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„Die ganze Welt will Vollblut, aber niemand möchte sie einsetzen“. Diese Worte von Herrn Wahler sind mir in bleibender Erinnerung geblieben. Als ich vergangenes Jahr auf der Hengstschau des Klosterhof Medingen war, erfasste ich zum ersten Mal die Problematik des Einsatzes von Vollblütern in der Warmblutzucht. Ehrlich gesagt habe ich mir bis zu dem Zeitpunkt noch keine nennenswerten Gedanken darüber gemacht, aus welchen Gründen es Sinn machen würde, einen reinen Vollbluthengst in der deutschen Warmblutzucht einzusetzen. Sicherlich war mir bekannt, dass von jedem Deckhengst der Vollblutanteil bestimmt wird und es häufig die Spring- und Vielseitigkeitspferde mit einem hohen Blutanteil sind, welche im Bundeskader in den obersten Ligen mitmischen. Auch hörte ich bereits vorab hin und wieder davon, dass den Vollblütern vor allem in der dritten Generation eines Nachwüchslers eine enorme Bedeutung zukommt. Warum dies allerdings so ist und welche Problematiken sich bei dem Einsatz eines reinen Vollbluts ergeben, war mir bislang noch nicht bewusst.

Vergangenes Jahr auf dem Klosterhof Medingen wurde mein Interesse für dieses Thema also zum ersten Mal geweckt, als Herr Wahler ihren Neuzugang Lucarelli XX vorstellten. Ein hoch erfolgreicher Veredler, welcher von der Deckstation aufgestellt wurde, um den Züchtern die Möglichkeit zu bieten, wieder vermehrt Blut in die deutsche Warmpferdezucht einzukreuzen. Um ehrlich zu sein war ich tatsächlich die ersten zehn Sekunden etwas erstaunt, als Lucarelli nach den ganzen Dressur- und Springhengsten die Arena betrat. Auch wenn das Vollblut sich edel und schick präsentierte, ist es vom Exterieur und Gangwerk doch eben nicht das, was man sich von einem typischen Warmblut erhofft. Warum also raten Deckstationen den Züchtern, vermehrt Vollbluthengste in der Zucht einzusetzen? Mit dieser Frage habe ich mich die vergangenen Tage beschäftigt und auch wenn ich bei Weitem noch nicht die ganzen Dimensionen erfasst habe, ist mein Interesse definitiv geweckt.

Hintergrund für den Einsatz von Vollbluthengsten ist die Schnelligkeit, Härte und vor allem die höhere Reaktionsfreude, welche die Vollblüter mitbringen. Ohne diese Eigenschaften der Blüter wäre der Vielseitigkeitssport lange nicht dort, wo er heute ist. Zwar wurde das Vielseitigkeitssystem mittlerweile von Langzeit- auf Kurzzeitprüfungen umgestellt, aber dennoch verlangen die Parcours Fähigkeiten, welches für ein reines Warmblut mit geringem Vollblutanteil nicht zu bewältigen wäre. Hindernisse, welche technisch derart gebaut sind, dass sie in einem Parcoursgalopp angeritten werden müssen, treffen auf lange Strecken, welche nur mit einem Höchsttempo von 800m pro Minute – so sagte man mir – in der Bestzeit zu schaffen seien. Ohne das Blut wären unsere Warmblüter nicht im Stande, derartige Vielseitigkeitsstrecken und dessen Anforderungen zu bewältigen. Bei einem Seminar zu diesem Thema sei der Blutanteil von erfolgreichen Springpferden wohl bei um die 50% benannt wurden, Vielseitigkeitspferde müssten mindestens 60 % aufweisen, um erfolgreich zu sein. Ebenso sei das Vollblut auch für die Dressur nicht mehr hinweg zu denken, welche den Warmblüter zur Veredlung verhilft.

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Um sich diese Vorteile zu erhalten und den Warmblütern weiterhin zu mehr Schnelligkeit, Härte und Reaktionsfreudigkeit zu verhelfen, ist der Einsatz von reinen Vollblütern unumgänglich. Andernfalls würde der Blutanteil stetig sinken und allenfalls nur noch in den hintersten Generationen auftauchen. Gerade jedoch in der dritten Generation – so sagt man – komme dem Vollblut eine hohe Bedeutung zu. Setzt allerdings niemand ein Vollblut ein, so kann es dementsprechend auch nicht mehr in den vorderen Generationen auftauchen. Teils wird von einem Zehntel der Zuchtstuten in Deutschland gesprochen, welche jährlich mit einem Vollblüter belegt werden müssten, um das Blut im Pedigree zu erhalten und einen Zuchtfortschritt zu garantieren. Schaut man sich allerdings einmal die heutigen Zahlen an, gehen die Bedeckungen von Vollblütern stetig zurück und es scheint, als würden sich die Züchter vor dem Einsatz eines reinen Veredlers scheuen.

Warum also werden Vollblüter so wenig von den deutschen Warmblutzüchtern eingesetzt, wenn es doch essentiell für den stetigen Zuchtfortschritt ist? Im Großen und Ganzen sollte es doch auch im Interesse der Züchter liegen, die Reaktionsfreude und Schnelligkeit der Warmblüter zu verbessern. Bedacht werden muss jedoch, dass bei dem Einsatz eines Vollbluts mit hoher Wahrscheinlichkeit erstmal kein Fohlen geboren wird, welches dem Idealbild eines Reitpferdes entspricht. Zwar möchten wir uns mit einem Vollblut Vorteile einkreuzen, gleichermaßen holt man sich damit aber auch erstmal die Genetik für ein (aus der Sicht eines Warmblutzüchters) unvorteilhaftes Exterieur, mangelnde Größe, zu feine Gliedmaßen und ein schwieriges, nicht so einfach zu händelndes Gemüt ins Haus. Merkmale, welche im Rennsport gerade erwünscht sind, in der Warmblutzucht jedoch nicht zu optimalen Voraussetzungen für ein gelungenes Reitpferd zählen. Wenn man also erstmal von einem nicht absatzfähigen Fohlen spricht, dann ist das nicht als Kritik an einer der beiden Blutlinien gedacht. Stattdessen werden mit dem Vollblut als Rennpferd und dem Warmblut als rittiges Sport- und Familienpferd verschiedene Zuchtziele angestrebt, sodass bei einer Kreuzung dieser beiden Typen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass zumindest die Nachkommen der ersten Generation weder für das eine noch für das andere die optimalen Voraussetzungen mitbringen.Hat man als Züchter Glück wird es ein Stutfohlen, welche man in der Zucht einsetzt und so das Blut in die gewünschten Generationen streut. Wird es hingegen ein Hengstfohlen, zeichnen sich die ersten Vermarktungsschwierigkeiten ab. Hat man als Käufer die Wahl zwischen einem rittigen Warmblut oder einem hitzigen Vollblut, wird die Wahl wohl im Durchschnitt eher auf das Warmblut fallen. Ein Youngster, welcher einen überdurchschnittlich hohen Blutanteil aufweist wird also zumindest erstmal abschrecken und allenfalls gut zu verkaufen sein, wenn er sich bereits über Sporterfolge etablieren konnte. Zwar besteht nach wie vor eine große Nachfrage für Pferde mit einem möglichst hohen Blutanteil, diese Nachfrage entwickelt sich allerdings erst mit Erfolg des Pferdes. Deckstationen versuchen dieser Abschreckung entgegen zu wirken, indem sie die Hengste zu einer relativ geringen Decktaxe anbieten. Schaut man sich allerdings einmal die enormen Kosten an, welche den Züchter im Falle eines hoch im Blut stehenden und deshalb sehr schwer zu vermarktenden Hengst einholen, so sind die geringeren Deckgelder nur ein kleiner Trost. In Foren ist hin und wieder die Rede von einer Art Ankaufsgarantie von Seiten der Verbände: Befürworter fordern, dass die Verbände die Züchter vermehrt bei dem Einsatz von Vollblütern unterstützen, indem sie ihnen einen Ankauf des Fohlens garantieren. Ich bezweifle allerdings, dass dieser Weg für die Verbände eine Option wäre.

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Hinzukommt, dass sich auch nicht jeder Warmblutzüchter in der Rennsportszene auskennt. Während er also bei den Warmbluthengsten anhand seiner Erfolge und Titel einschätzen kann, welche Genetik er sich in seine Zucht holt, gibt es bei den Vollblütern wohl eher Ergebnisse der Rennen zu durchforsten. Und es sei nicht gesagt, dass man ein Vollblut ebenso gut einschätzen kann, wie man es zuhause in der deutschen Warmblutzucht gewöhnt ist. Man vertraut also ein Stück weit auf die Deckstationen und dessen Auswahl, meist können jedoch nur die wenigsten Züchter richtig einschätzen, in welcher Liga der Hengst spielt. So hat es bei mir bereits einige Nachforschungen erfordert, bis ich den Unterschied von Stehern und Sprintern bei den Vollblütern erfasst habe. Auf lange Sicht erscheint also der Einsatz von Vollblütern essentiell für den Fortschritt, es ist aber gleichermaßen verständlich, dass sich Züchter nur zögerlich zu diesem Schritt entschließen können. Bereits in einem der letzten Beiträge habe ich mir erlaubt, das hohe Risiko eines Züchters und die hohen Kosten zu erwähnen. Dementsprechend logisch ist es, dass Züchter – wenn sie schon dieses umfangreiche Projekt einer eigenen Zucht starten – alles daran setzen, mit möglichst hoher Wahrscheinlichkeit ein gelungenes und gut zu vermarktendes Fohlen zu bekommen. Setzen sie einen Vollblüter ein, tun sie dies in dem fast sicheren Wissen, das spätere Fohlen gar nicht oder nur schwer und meist auch nur für wenig Geld vermarkten zu können. Aus diesem Grund kann ich mir momentan noch nicht ganz vorstellen, dass es wirklich die privaten Züchter sein sollen, welche den Vollblutanteil und die Vielfalt der Warmblutzucht retten sollten. Stattdessen sehe ich eher die Deckstationen und größeren Gestüte in der Verantwortung, das Risiko zu tragen und reine Vollblüter einzusetzen. Sie sind zumindest finanziell so gestellt, dass sie dieses Risiko tragen können. Und sind wir mal ehrlich: Auf lange Sicht kommt es ihnen auch selbst zu gute, wenn sie ihren Vollblutanteil bei den eigenen aufgestellten Hengsten erhalten und damit ihre Attraktivität steigern. Wie steht ihr zu diesem Thema? Sollten auch die privaten Züchter mehr Farbe bekennen und reine Vollblüter einsetzen? Oder wird die Bedeutung des Blutanteils eurer Meinung nach vollkommen überschätzt?

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Vielen Dank an dieser Stelle an tinimee, chiara.sfotografie und horoughbredheart (Instagram), welche mir Fotos ihrer Vollblüter zur Verfügung gestellt haben.