Der Spaß sollte in der Jungpferdeausbildung nie zu kurz kommen.
Der Spaß sollte in der Jungpferdeausbildung nie zu kurz kommen.

Die Jungpferdeausbildung: Ein Thema, bei dem sich in jeder Hinsicht die Geister scheiden. Auf die Gefahr hin, dass ich vermutlich nicht jeder Meinung gerecht werden kann – was nüchtern betrachtet bei der Fülle an Diskussionsstoff auch einfach schier unmöglich ist – greife ich das Thema in Anbetracht der vielen Anfragen doch einmal auf. Vorweg: Wie bei so vielen Dingen im Leben gibt es auch hier nicht den „einzigen, perfekten Weg“. Stattdessen führen viele Wege nach Rom, der eine mag vielleicht etwas holpriger sein als der andere und doch ist es eine reine Empfindungssache. Heißt: Was für den einen Ausbilder und das dazugehörige Pferd richtig zu sein scheint, kann sich für ein anderes Paar genauso gut als der falsche Weg entpuppen. Es gibt zu viele Pferde, zu individuelle Charaktere und zu viele unterschiedliche Entwicklungsgrade, als dass man für alle Pferde einen perfekten Ausbildungsweg ausmachen könnte. Was jedoch für alle einheitlich herangezogen werden kann sind die Gedanken, die sich viele über den „richtigen Zeitpunkt“ machen, um mit der Ausbildung des Jungpferdes zu beginnen. Dieser Beitrag soll dazu dienen, solche Aspekte aufzugreifen, die leider immer weniger mit in die Diskussion einbezogen werden und die – mal ganz salopp gesagt – gerne „vergessen“ werden, wenn man sich mit dieser Thematik befasst.

Vergangene Woche nun bekamen wir zwei Anfragen, weshalb wir einen der jungen Hengste bereits im Alter von drei Jahren anreiten würden. Verknüpft mit der Frage, ob es nicht Sinn machen würde ihm noch ein weiteres Jahr für seine Entwicklung zu geben, um so ein langlebigeres und gesünderes Pferd zu erhalten. Ich habe mich sehr über diese Anfragen gefreut, denn sie zeigen, dass sich dort jemand ernsthafte Gedanken macht und möglicherweise auch bereit ist, sich die Gründe der „anderen Seite“ anzuhören. Viel zu oft werden Handlungen vorschnell verurteilt, ohne dass man dem Handelnden vorab die Möglichkeit gegeben hat, die Gründe für sein Handeln darzulegen. Aus diesem Grund begrüße ich es sehr, wenn jemand mit seiner Frage offen und ehrlich den direkten Weg wählt und an uns herantritt.

Nun aber zurück zum Thema: Es ist absolut falsch, junge Pferde zu früh anzureiten. Es ist allerdings auch ebenso falsch zu glauben, dass man das „zu früh“ verallgemeinert definieren könnte. Viel zu oft liest man von den heiligen vier Jahren, die man einem jungen Pferd geben sollte. Vier Jahre – das „Allheilmittel“, welches immer wieder in Diskussionen als das Mindestalter deklariert wird, welches eine absolut schonende und gesunde Ausbildung mit sich bringt. Viele vergessen jedoch, dass Vier eine einfache Zahl ist, Pferde hingegen sind bei weitem nicht einfach. Was ich damit sagen möchte: Jedes Pferd ist individuell und entwickelt sich unterschiedlich schnell. Statt einer Zahl sollte man also vielmehr eine gewisse Reife als Maßstab setzen, um eine „zu frühe“ Ausbildung festzumachen. So kann es vorkommen, dass auch ein vierjähriges Pferd die nötige Reife noch nicht erreicht hat, um angeritten zu werden. Und andersherum kann es ebenso gut vorkommen, dass ein dreijähriger Hengst bereits die Kräfte und den Körperbau mitbringt, um schonend angeritten zu werden. Die Individualität jedes einzelnen Pferdes ist es, weshalb ich mir aus Aussagen wie „der wird zu früh angeritten“ wenig mache. Eine fundierte Aussage zu dieser Streitfrage können nämlich allein solche Personen treffen, die das jeweilige Pferd und seinen Körperbau kennen. Alle anderen Kommentare würden sich allein mit dem Alter des Pferdes belegen lassen, was meiner Meinung nach allerdings kein Kriterium ist, an dem man eine logische Kritik festmachen kann.

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Vierjähriger Wallach von Lemony´s Nicket aus einer De Niro-Mutter

Die Reife und die Entwicklung sind also die Punkte, an denen ich den „richtigen Zeitpunkt“ für den Beginn der Jungpferdeausbildung festmachen würde. Worin jedoch auch unterschieden werden sollte – und auch dieser Punkt wird leider viel zu selten registriert – ist die Art der Ausbildung. Für mich macht es einen gravierenden Unterschied, ob ein dreijähriges Pferd schonend an der Longe antrainiert wird – bei entsprechendem Entwicklungsstand vielleicht sogar noch im Alter von zwei Jahren – oder aber ob ein Pferd beim Ausbildungsstall abgeliefert wird, welches vielleicht gerade noch so ein Stallhalfter kennengelernt hat. Vollkommen untrainiert und unbemuskelt werden sie dort bereits (wenn überhaupt) nach wenigen Tagen geritten und so einer Belastung ausgesetzt, die ihr Körper bis dato noch zu keinem Zeitpunkt ihres bisherigen Lebens auch nur ansatzweise kennengelernt hat. Wenn man sich also mit der Frage beschäftigt, ob eine Ausbildung „zu früh“ begann, so sollte man sich in dem Zuge auch mit der Frage beschäftigen, was den Pferden denn in der Ausbildung widerfuhr und welche Leistungsanforderungen man ihnen gestellt hat. Ich sehe es bei weitem lieber, dass ein noch etwas jüngeres, dreijähriges Pferd vorab anständig vorbereitet wurde und gut bemuskelt das erste Mal einen Reiter auf seinen Rücken gesetzt bekommt, als dass ein vier- oder fünfjähriges Pferd ohne jegliche Rückenmuskulatur und Balance Reitergewichte stemmen muss. Ebenso sollte man sich mit dem Pensum beschäftigen: Auch bei einem vierjährigen Pferd kann die Ausbildung negative, gesundheitliche Folgen hervorrufen, wenn die daran geknüpften Anforderungen das Leistungskontingent des Jungpferdes übersteigen. Meiner Meinung nach geht also nichts über eine wirklich schonende Ausbildung, die meinetwegen sogar bis in ein früheres Alter zurückreicht. Damit meine ich nicht, dass man die gerade zwei Jahre alt gewordenen Pferde an der Longe knebeln sollte, bis sie umfallen. Stattdessen sind es die kleinen Putz- und Schmuseeinheiten, mit denen man bereits im Fohlenalter beginnt. Kleine, aber regelmäßige Trainingseinheiten sind der von mir favorisierte Weg zum Ziel. Keine Ausbildung in zwei Monaten kann die Zeit ersetzen, in der man sich mit den Pferden täglich beschäftigt und sie Schritt für Schritt an das Leben als Reitpferd heranführt. Es waren wenige Minuten, mit denen wir angefangen haben und es sind immer noch wenige Minuten, in der wir „Leistung“ von den jungen Pferden fordern. Statt einem vollen Trainingsprogramm sieben Tage die Woche erwartet die jungen Pferde eine Art „Häppchen-Ausbildung“, in kleinen Portionen, fernab von den so oft gesehenen „in zwei Monaten Springpferde-A“-fertigen Pferden.

Die Entwicklung, die Reife und die Art der Ausbildung – Diese drei Punkte sind unter anderem der Grund dafür, warum manch dreijährige Pferde bereits Anfang des Jahres ihre erste „Trainingseinheit“ unter dem Sattel antreten dürfen, gleichaltrige andere Pferde hingegen erst Ende des Jahres weiter ausgebildet werden. Bleibt nun noch eine offene, häufig gestellte Frage: Entwicklungsstand hin oder her, warum warten wir nicht trotzdem „sicherheitshalber“, bis das Pferd älter ist? Nüchtern betrachtet macht es auf jeden Fall Sinn. Wenn man tatsächlich so viel Wert auf eine schonende Ausbildung des Pferdes legt, so sollte ein weiteres Jahr Weidegang doch wohl mindestens möglich sein. Was viele jedoch vergessen sind die Vorteile, die sich aus einer zeitigen Ausbildung ergeben. Vorteile, die nichts mit dem finanziellen Aspekt zu tun haben, sondern stattdessen – man mag es kaum glauben – allein dem Pferd zu Gute kommen. Holt man ein drei- oder vierjähriges, junges Pferd von der Koppel, so wird dies vor allem eines haben und das ist nichts Geringeres als Kraft. Vertrauen aufbauen hin oder her: Junge Pferde sind ungestüm, manchmal etwas frech und testen gerne ihre Grenzen aus. Dass es zu Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen kommt, ist im Laufe einer Ausbildung völlig normal. Wie oft hat man sich als Kind dagegen aufgelehnt, wenn man von einem Lehrer einen Stapel Hausaufgaben aufbekommen hat. So ist es auch mit den Pferden und es werden mit ziemlicher Sicherheit Momente kommen, in denen der Jungspund gerne einen anderen Weg einschlagen möchte, als man es selbst vorhatte. Hat man nun ein etwas schmächtigeres Format am Strick, so bietet sich einem noch eine klitzekleine Chance, Meinungsverschiedenheiten ohne große Diskussion direkt zu unterbinden und für ein gemeinsames Weiterkommen zu sorgen. Führt man hingegen einen Kraftprotz neben sich her, der noch nie ein Halfter oder ähnliches gesehen hat, endet die erste „Ausbildungseinheit“ nicht selten in einer brenzligen Situation. Ziemlich schnell finden sie heraus, dass man ihnen körperlich bei weitem unterlegen ist und nutzen dies rigoros aus. Ihr merkt: ich spreche hier keinesfalls nur von der Ausbildung unter dem Sattel. Stattdessen sind es die kleinen Dinge wie das Führen, das Anbinden und das Longieren, welche zur Routine werden sollten, bevor die Jungpferde von ihren Kräften erfahren. Weitere Diskussionen, weitere brenzlige und vor allem gefährliche Situationen des „Austestens“ folgen, die Stress und Unruhe für alle Beteiligten mit sich bringen. Stress und Unruhen, die vor allem das sensible Pferd für immer prägen werden und dessen langfristigen Folgen ihm immer wieder in seiner weiteren Laufbahn begegnen werden. Das ist der Grund, warum wir mit der Ausbildung beginnen, sobald die nötige körperliche und seelische Reife für die jeweilige neue Aufgabe erreicht ist. Wir möchten den jungen Pferden einen schonenden, ruhigen und liebevollen Weg in Richtung Reitpferd bieten, wozu unter anderem zählt, dass man dem Jungtier so viel Stress wie möglich ersparen sollte. Steht ihnen jedoch erst einmal ihre Kraft im Wege, so ist es schwierig, dieses Ziel ohne Kompromisse zu erreichen. Genau genommen führen wir sie also bereits im Fohlenalter auf die erste Treppenstufe der Ausbildung, in dem wir ihnen häppchenweise kleine Dinge wie das Hufegeben und das Führen am Strick beibringen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie wissbegierig kleine Fohlen sein können – warum sollte man diese gesunde Neugier also nicht nutzen, um ihnen auf spielerische Art und Weise Basics beizubringen? Diese frühzeitig eingeführten Routinen im Leben der Youngster werden die Ausbildung im fortgeschrittenen Stadium vereinfachen und ihnen vieles in der Zukunft – so bilde ich es mir zumindest ein – erleichtern. Wie sagt man so schön? Was man hat, das hat man.

Gewiss werden die Aspekte in dieser Form von nur wenigen von euch vertreten. Und auch hier nochmal, um Missverständnissen vorzubeugen: Der Beitrag soll allein dazu dienen, das frühere Anreiten verständlicher zu machen. Die angeführten Punkte sind also ausschließlich als positives Argument für den einen Weg zu verstehen, sie sollen jedoch keinesfalls als Contra-Argumente für den anderen Weg fungieren. Sich in einem so komplexen und wichtigen Thema vollständig eins zu sein, ist nicht leicht und vor allem auch nicht erforderlich. Wichtig ist stattdessen, dass man seine Vorgehensweise immer wieder überdenkt, andere Meinungen reflektiert und seine eigenen Argumente überprüft. Wenn ich euch mit diesem Beitrag ein paar wenige kleine Anregungen geben konnte oder aber auch nur dazu angeregt habe, dass sich der ein oder andere erneut mit dem Thema auseinandersetzt, so habe ich mein Ziel erreicht. Ich freue mich auf einen fairen, konstruktiven Austausch.

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