Eines meiner YouTube-Videos sorgte für mehrere Nachfragen: wieso stehen deine Pferde nicht alle bei dir? Warum hast du überhaupt so viele Pferde, wenn du dich nicht gar nicht um alle selber kümmerst? Auch wenn ich diese Fragen nicht persönlich nehme oder gar böse auffasse, so hat sich bei mir im Kopf einiges um diese Thematik gedreht, denn was für mich auf der Hand liegt, scheint für einige total unverständlich zu sein.

Das Video über meine sechs (sieben) Pferde war der Auslöser für die ein oder andere Frage, warum meine Pferde in verschiedenen Ställen stehen würden und dass es irgendwie „traurig sei, dass ich sie einfach abgegeben hätte“. Das Video könnt ihr HIER anschauen.

Zum Einen ist das größte Problem meines Erachtens, dass die Pferde zu sehr vermenschlicht werden. Das fängt bei Themen wie dem Eindecken an („Mir ist kalt, also ist meinem Pferd auch kalt“) und endet mit der Pferdehaltung. Wer sein Pferd liebt, der hat es immer bei sich stehen, so die Devise einer Vielzahl von Menschen. Tatsächlich habe ich hier eine ganz andere Auffassung, denn wer sein Pferd liebt, der handelt so, dass es dem Pferd gut geht und auf die jeweiligen Bedürfnisse eingegangen wird. Gerade bei meinen Pferden sind es, aufgrund der verschiedenen Lebensphasen in denen sie sich befinden, verschiedene Bedürfnisse. Zum Einen sind dort meine Jungstuten, die nach dem Absetzen in die Aufzucht gekommen sind – natürlich gibt es sicherlich auch Aufzuchtsplätze um den Reitstall rum, in dem Civa steht. Doch bin ich ehrlich: keiner von ihnen bietet das Maß an Luxus, welche meine Stuten dort erfahren, wo sie stehen. Damit meine ich keine goldenen Boxen und Futter auf dem Silbertablett serviert, sondern eine gigantische, gemischte Herde, einen gefühlt endlos erscheinenden Offenstall im Winter, Raufutter in bester Qualität in schier unendlichen Mengen und große, saftige Weiden im Sommer. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich sie nicht gerne dichter bei mir hätte, um sie aufwachsen zu sehen – doch bin ich nüchtern realistisch muss ich mir eingestehen: wachsen tun sie auch ohne mein tägliches Streicheln, denn mehr macht man mit Pferden in der Phase des Aufwachsens nicht wirklich. Natürlich freut man sich, wenn die eigenen Pferde einen mögen, erkennen und man mit ihnen Pferdemädchen-Zeit verbringen kann. Doch die Realität sieht irgendwie anders aus: wenn die Pferde eine Herde haben, in der sie sich wohl fühlen, dann freuen sie sich vielleicht, wenn man vorbei kommt (ich bin mir sogar sicher, dass meine beiden sich freuen), doch am Ende sind sie nicht auf meine Anwesenheit angewiesen, weil sie in einem sehr gut funktionierenden Konstrukt leben. Täglicher Besuch ist für mich alleine schon wegen der Strecke nicht machbar, ich schaue einmal im Monat nach dem Rechten und habe sogar kein schlechtes Gefühl dabei, weil ich weiß, dass sie gut aufgehoben sind. In meiner Abwesenheit „kümmert“ sich auch niemand anderes um die beiden, denn die Grundbedürfnisse (Futter, Wasser, Auslauf und Sozialkontakt) werden vom Stall selbst gemanagt und Schmied und Tierarzt erledigen auf Abruf den Rest (Impfungen, Wurmkuren und das Ausschneiden der Hufe).

Bei Wonne habe ich eine ähnliche Entscheidung getroffen. Für mich stand fest, dass ich – nachdem ich einmal bereits nicht die besten Erfahrungen bei der Unterbringung einer Zuchtstute gemacht habe, denn auch hier gibt es definitiv Unterschiede – Wonne nur in ein absolutes Luxus-Domizil abgebe, wo sie gut zurecht kommt, von kompetenten Menschen betreut wird und auf ihre Bedürfnisse als Zuchtstute eingegangen wird. Den perfekten Stall habe ich über Alisa gefunden, der Reitstall Rittstieg bietet Wonne all das, was sie braucht und sie fühlt sich pudelwohl. Auch hier würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass ich sie nicht jeden Tag sehen wollen würde, doch auch hier muss ich ehrlich sein: bei diesen Gedanken geht es um mich. Wonne steht nicht in ihrer Mutterstuten-Herde, schaut schmachtend in die Ferne und denkt an mich. Im Gegenteil! Sie fühlt sich wohl, das sieht man ihr an, wird zwischendurch geputzt und frisiert und kann ansonsten Pferd sein. Die Menschen vor Ort haben absolutes Know-How wenn es um das spezielle Thema Zucht geht und ich muss mir keine Sorgen machen, dass nicht alles Menschenmögliche getan wird, um mein Pferd gesund und bei Laune zu halten.

Auch Caesarion steht nicht bei mir, denn Caesarion ist – ursprünglich nur für ein halbes Jahr – zu einer Freundin von mir gegangen, weil ich ihn nicht mit nach Dänemark nehmen wollte. Der Grund hierfür war ganz einfach: Caeasarion hat unheimlich viel und vor allem schnell Stress, ich wollte ihm den Stall in Dänemark, wo an jeder Ecke ein Sprung steht, nicht antun. Kennen tue ich das Pferd sehr gut, sodass ich weiß, dass das auch kein Erziehungsproblem oder ein gar ein lösbares Problem ist, wenn man nur hart genug an sich selbst arbeitet. Dementsprechend ist eine Freundin von mir eingesprungen und hat ihn für den Zeitraum zu sich geholt. Diese beiden entpuppten sich als Dreamteam und auch wenn ich behaupten würde, dass Caesi und ich ein tolles Team waren, so sind die beiden ein besseres. Hart, wenn man sich das selbst eingestehen muss, denn eigentlich ist man ja der beste Mensch für das eigene Pferd und sowieso sind alle Pferde im eigenen Leben „Herzenspferde“ und weggeben oder aufgeben ist keine Option – so die Theorie und die Social Media Romantik, die überall vermittelt wird. Die Praxis und Realität sieht aber anders aus. Caesi und meine Freundin harmonierten, es war wie Topf und Deckel und als mein Umzug zurück nach Deutschland näherrückte entschieden wir etwas, was mir in der Seele wehtat, für das Pferd aber die beste Entscheidung war: er sollte bei ihr bleiben. Ich habe ihn also abgegeben, für manche ist das unverzeihlich, für mich ein richtiger Schritt für das Wohlbefinden meines Pferdes, dem es bei mir nie schlecht ging, welches sich bei jemand anderem aber dennoch wohler fühlt. Eine harte Pille die ich schlucken musste, aber ich habe es getan und mittlerweile bin ich sehr, sehr glücklich mit der Entscheidung. Ehrlich gesagt war ich die letzte, die mit dieser Entscheidung glücklich gewesen ist, denn Caesi war es von vorne herein. Bin ich deswegen ein schlechter Mensch, der versagt hat? Nein, definitiv nicht. Denn ich habe mein Pferd losgelassen, damit es ein noch besseres Leben führen kann, eines, welches gut zu ihm passt mit einem Menschen, der noch besser zu ihm passt, als ich es getan habe. Gerade der Reitsport ist ein Sport, der auf Chemie beruht und die Chemie kann mit dem einen stimmen, mit dem anderen wiederum gar nicht. Zwischen Caesi und mir hat die Chemie gestimmt, zwischen Caesi und seiner neuen Reiterin aber mehr. Es ist keine Schande sich das einzugestehen, dennoch ist es hart und für Außenstehende häufig unverständlich. Doch auch das sollte einem herzlich egal sein, denn man hat sein Pferd nicht für andere, sondern es geht hierbei um eine Entscheidung, die in erster Linie für ein Wesen gut sein sollte: das Pferd.

Last but not least haben wir Quentin – erstens gehört Quentin nicht mir (sondern meiner Mutter), demnach ist es sowieso kein Wunder, dass er nicht bei mir steht und ich keinerlei Entscheidungsgewalt habe, wenn es um ihn geht, zweitens ist es allerdings auch so, dass wenn er mein Pferd wäre, ich nicht anders gehandelt hätte. Denn ich bin ein Amateur und nur, weil ich weiß, wie ich mein Pferd auf meinem Level zu reiten habe, so weiß ich definitiv nicht automatisch, wie ich einen Hengst auf eine Körung oder auf weitere Prüfungen auf dem Weg zum Deckhengst begleiten sollte. Dementsprechend war klar, dass hier Profis ans Werk müssen, die ihr Handwerk verstehen und dennoch nach unserer Mentalität arbeiten, sprich nicht auf Biegen und Brechen das Pferd in eine Gelddruckmaschine zu verwandeln.

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Das einzige Pferd, welches also aktuell von den insgesamt sieben Pferden in meinem Leben bei mir ist, ist Civa. Und ich würde behaupten, dass Civa ein gewisses Maß an Abhängigkeit von mir hat, denn wir sehen uns jeden Tag, wir sind Freunde, wir erleben viel und dadurch würde es für sie vermutlich seltsam sein, wenn ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr in den Stall kommen würde. Allerdings ist es auch so, dass meine Jungstuten nachrücken und bald Civa flankieren werden, wenn sie angeritten sind (auch von einem Profi) und ich mit ihnen gefahrlos als Amateur meine Runden außen herum drehen kann – mit der Unterstützung meines Trainers. Denn für mich hat die Verantwortung gegenüber eines Pferdes mehr mit einem durchdachten, realistischen, plausiblen und ehrlichen Plan zu tun, als das Pferd auf Biegen und Brechen an sich zu ketten, nur, weil man – sehr hart formuliert – als Besitzer eingetragen ist. Für mich sind Profis, seien es Hengstaufzüchter und -ausbilder, Bereiter, die Jungpferde anreiten, Zuchtexperten oder Reitlehrer, die Stütze eines jeden Amateurs, Profis sind dazu da, um zu lehren und den Job zu übernehmen, den andere ohne sie oder zumindest ohne ihre Unterstützung nicht gewuppt kriegen würden.

Die Welt wäre für viele Pferde eine deutlich schönere, wenn die Menschen anfangen würden, sie wie Tiere zu behandeln und nach ihren Bedürfnissen zu schauen, statt ihren eigenen Wünschen nachzukommen, die sie als Wunsch des Pferdes getarnt haben. Ich kann ganz ehrlich sagen: Wonne, Cosma, Carlotta und Caesarion erkennen mich, wenn ich bei ihnen bin. Sie freuen sich – zumindest bilde ich mir das ein. Aber für alle vier bricht nicht die Welt zusammen, wenn ich nicht bei ihnen bin. Im Gegenteil, ich habe sie so untergebracht, dass sie glücklich und zufrieden sind. Wenn meine Jungstuten bei mir sind, werde ich auch dafür sorgen, dass sie in ihrem neuen Heim bei mir und mit ihrer neuen Aufgabe als Reitpferd glücklich und zufrieden sind.

Auch ich mache nicht immer alles richtig, dessen bin ich mir bewusst, doch mit der Zeit und mit den verschiedenen Pferden und deren verschiedenen Lebensphasen und Altersstufen habe ich gelernt, mich von der Illusion zu lösen, dass ich alleine weiß, was meine Pferde brauchen und dass sie nur dann glücklich sind, wenn ich mich höchstpersönlich jeden Tag um sie kümmere. Natürlich ist es mein Traum, alle bei mir zu haben, unter anderem deswegen suche ich aktiv nach einem eigenen Reitstall, wo ich Reitsport und Aufzucht miteinander verbinden kann. Doch solange das nicht gegeben ist, werde ich den Teufel tun und an dem aktuellen Konstrukt etwas ändern, denn die einzige, die zum aktuellen Zeitpunkt davon profitieren würde, wäre ich! Und mein Vorteil wäre, dass ich meine Pferde jeden Tag sehen würde. Für mich erschließt sich hier der Nutzen für meine Tiere ehrlich gesagt nicht, das Motiv wäre rein egoistisch gesteuert. Meine Pferde fühlen sich alle sichtlich wohl in ihrer Situation, dementsprechend muss man auch einfach mal seinen Stolz und die hohe Meinung vom eigenen Umgang mit den Pferden runterschlucken und die Gegebenheiten als Außenstehender betrachten, ohne Wertung und Emotionen. Schnell vermenschlicht man seine Tiere und ich möchte den Tieren keinesfalls Gefühle oder Emotionen absprechen. Doch am Ende des Tages reden wir hier von Tieren, die anders handeln und denken als wir Menschen, weswegen ich auch mittlerweile das Verhalten nicht mehr über-analysiere.


Ich freue mich auf den Moment, wo in meinem „Heimatstall“ nicht mehr nur Civa, sondern auch Cosma und Carlotta auf mich warten. Die paar Monate bis dahin halte ich auch noch aus, auch wenn ich natürlich lieber gestern als morgen mit dem Anhänger im Schlepptau losfahren wollen würde. Denn meine eigenen Emotionen und Menschlichkeit kann ich nicht abstellen, ich denke, dass das normal ist, doch wie im Sattel haben die Emotionen bei solchen Entscheidungen nichts verloren! Mit allen weiteren Pferden, die zur Aufzucht bleiben, würde ich übrigens nicht anders umgehen, solange ich nicht selbst in der Lage bin, eine artgerechte Aufzucht zu gewährleisten. Bis dahin lasse ich weiterhin die Profis walten, bin froh, dass ich für die Zucht, die Aufzucht und für den Reitsport drei Lösungen gefunden habe und dass dieses System anscheinend gut funktioniert, zumindest spricht die Entwicklung und Vitalität aller Pferde meines Erachtens Bände.

Schuster, bleib bei deinem Leisten – dafür gibt es die Profis, um diese um Rat zu bitten oder komplett übernehmen zu lassen, wenn man selbst nicht in der Lage ist, den gesetzten Standard zu erfüllen. Das hat nichts mit Kälte oder Gleichgültigkeit zu tun, sondern mit dem Blick über den Tellerrand und dem Eingeständnis, dass das eigene Pferd eben nicht nur von einem selbst gut betreut wird und man eben nicht alles am besten kann – sondern andere manchmal für den Moment besser geeignet sind, weil sie ganz andere Möglichkeiten haben, welcher Natur auch immer diese sein mögen.