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In ein mir völlig unbekanntes und neues Gebiet habe ich mich begeben, als ich an einem Sonntagnachmittag die Oakstead Shire Horse Show auf der Seulinger Warte in Niedersachsen besucht habe. Zum bereits siebten Mal hatten Züchter aus ganz Deutschland im Rahmen dieser Veranstaltung die Möglichkeit, ihre Shire Horses den kritischen Blicken der – extra aus England angereisten Richter – auszusetzen und mit ihnen den Wettbewerb des besten Wallaches/ der besten Stute bzw. des besten Hengstes zu bestreiten. Zwar ist die Zucht eines der Themen, welches mich tagtäglich fasziniert und meinen Alltag mit bestimmt, die Veranstaltung hat mir jedoch nochmal vor Augen geführt, dass nicht immer Zucht gleich Zucht ist. Hätte mich vorher jemand gefragt, welche Ziele die Züchter von Shire Horses verfolgen, an welchen Kriterien ihre Qualität bemessen wird: Ich hätte nicht einmal sagen können wie Shire Horses ihr „Können“ beweisen, um für den Deckeinsatz Interesse zu wecken. Kurzum: Ich war ahnungslos und bin es immer noch – nur eben dank dieser Veranstaltung ein kleines Stückchen weniger, als ich es vorher war.

Shire Horses gehören zwar zu den Kaltblütern, sind aber dennoch für ihre erstaunliche Wendigkeit bekannt. Aus diesem Grund wurde die Rasse früher vermehrt im Krieg eingesetzt, sie waren also sogenannte „Ritterpferde“. So begehrt und dementsprechend weitverbreitet sie damals waren, so schnell reduzierte sich der Bestand, als die Kriege glücklicherweise ihr Ende fanden. Eine neue Aufgabe fanden sie von da an in der Landwirtschaft, in der sie durch ihre außerordentliche Kraft durchaus vorteilhaft waren. Leider wurde auch dieses Tätigkeitsfeld im Zuge der Industrialisierung immer kleiner, sodass die Rasse Shire Horse zunehmend zurückging und schlussendlich kurz vor dem Aussterben war. Eine Wendung nahm die Geschichte dank der Engländer, welche die großen, massigen Tiere für sich als Brauereipferd entdeckten. Von da an wird der Werdegang des Shire Horses von Tradition geprägt und diese Tradition war es, welche dafür sorgte dass die Rasse weiterhin besteht. In ganz Deutschland verteilt gibt es Züchter, welche ihr Herz an das sanfte, ausgeglichene aber hellwache Gemüt der Riesen verloren haben und durch ihre Zucht dazu beitragen, dass es immer wieder Nachfolger dieser unglaublichen Rasse gibt.

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Keinesfalls beläuft sich die Zucht einzig und allein auf das Ziel, die Rasse vor dem Aussterben zu schützen und blindlings für Nachwuchs zu sorgen. Stattdessen haben auch die Züchter der Shire Horses bestimmte Ziele, welche sie mit ihrem Vorgehen anstreben. Während wir Sportpferdezüchter ein modernes, rittiges mit drei guten Grundgangarten und einem korrekten Fundament ausgestattetes Nachwuchspferd vor Augen haben, wird bei den Shire Horses vermehrt der Schwerpunkt auf äußere Merkmale und Ausprägungen des Körperbaus gelegt. So zeichnet sich ein Shire Horse durch eine breite Brust und einem gleichmäßig runden, wohlgeformten Hintern aus (und braucht mal ganz nebenbei bemerkt dafür nicht ins Fitnessstudio zu gehen, so wie wir Menschen). Zudem wird wert auf große Nüstern und große, freundliche Augen gelegt, eine Ramsnase ist okay, sollte jedoch nicht zu stark aufgeprägt sein. Ein deutlicher Unterschied zu der Zucht, mit der ich mich täglich beschäftige, konnte ich bei den Farbkriterien feststellen. Belehrt mich wenn ich falsch liege, aber in meiner bisherigen Laufbahn ist mir in der Sportpferdezucht noch kein offizielles Merkmal der Farbe begegnet, durch welches die Noten der Richter beeinflusst werden. Sicherlich gibt es Fälle welche vermuten lassen, dass in der Dressur vermehrt schlichte, dunkle Pferde gefragt sind oder Schecken weniger gern mit guten Punktzahlen versehen werden – ein offizielles Statement hinsichtlich eines solchen Kriteriums gibt es jedoch nicht. Umso spannender fand ich es, dass gerade die Farbausprägungen bei den Shire Horses eine wichtige Rolle spielt. Um auf einer Schau die führenden Ränge zu belegen sollte ein Shire Horse vier – gleichmäßig hoch gezeichnete – weiße Beine, eine große breite Blesse und zudem möglichst wenig weiße Flecken am Rest des Körpers (vor allem ausgeprägt unter dem Bauch) besitzen. Und nicht nur die Zeichnungen: Unter den Shire-Horse-Züchtern ist die Farbe Fuchs ein absolutes „NoGo“ und gilt als definitiv nicht erwünschtes Ziel der Zucht. Als verlorener Fuchsliebhaber war ich natürlich erstmal leicht schockiert.

Dank der einleitenden Rede des Veranstalters war ich also mit etwas Background ausgestattet und konnte die nachfolgenden Wettbewerbe um den Titel der besten Stute, des besten Wallaches/Hengstes besser verfolgen und die Ausführungen zu den jeweiligen Bewertungen nachvollziehen und verstehen. Um die zwanzig Programmpunkte gab es, bei denen unter anderem die Shire Horses aufgeteilt nach Geschlecht in ihrer jeweiligen Altersklasse gegeneinander antraten und man die Gelegenheit hatte diese gigantischen Tiere zu bewundern. Mit einer Durchschnittsgröße von stolzen 1,75m bei den Stuten und 1,85m bei den Hengsten und Wallachen konnte man sie auch aus den hinteren Reihen wunderbar beobachten und war nicht der Gefahr ausgesetzt, sie auf dem Schauplatz aus den Augen zu verlieren. Doch auch nach oben gibt es ein paar nennenswerte Ausreißer: Das größte in Deutschland lebende Shire Horse erreicht mit seinem Stockmaß ganze 1,96m und insgesamt wurde bei dem vermeintlich größten Shire Horse ein Wert von 2,19m gemessen.

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Vorgestellt werden die Shire Horses ähnlich wie bei der Dreiecksbahn im Schritt und Trab an der Hand, gefolgt von einer Musterung im Stand. Um die Linie des Halses besser zu betonen und die Hinterhand gut sichtbar hervorzuheben wird die Mähne und der Schweif der Shire Horses dazu sorgfältig eingeflochten und mit Schmuck versehen. Obwohl ich bei Weitem eher der schlichte Typ für jeden Anlass bin war ich wirklich angetan von diesen so liebevoll hergerichteten Gestecken und Accessoires. Sie passten perfekt in die übrige Atmosphäre, die bei der Veranstaltung vermittelt wurde: Neben einem Wald gelegen und mit einer schönen Aussicht verbunden bestand der Platz aus einer umzäunten Wiese, welche mit Bierbänken für die Zuschauer umrundet wurde. Es gab Bier und Bratwürstchen, passende Musik und traditionell angezogene Vorführer und Züchter. Kurz: Fernab von Glitzer, teuren Eskadronschabracken und Schickimicki-Reitställen wurden die Shire Horses mit der aus England mitgebrachten traditionellen Form des Schmuckes in einer wunderbar rustikalen, idyllischen und sehr natürlichen Umgebung vorgestellt. Gerade dieses Zusammenspiel bewirkte eine tolle Atmosphäre und umgangssprachlich ausgedrückt „passte einfach alles zusammen“.

Ich bin froh, dass ich die Oakstead Shire Horse Show einmal miterleben durfte und mir durch die Wettbewerbe und die Vorführungen der Pferde am Gespann und unter dem Reiter ein eigenes Bild von der Rasse und der dahinterstehenden Zucht machen konnte. Auch wenn ich immer darum bemüht bin meinen Blickwinkel zu erweitern und viele verschiedene Wege als „richtig“ ansehe anstatt meinen eigenen Weg als den „perfekten“ zu deklarieren, hat mir diese Veranstaltung nochmal vor Augen geführt, dass es immer auch anders geht, als man selbst es handhabt. Völlig in der Gewohntheit gefangen von weißen Reithosen, Buchstaben an dem Viereck und den Abläufen eines „normalen“ Turniers verliert man leider viel zu schnell den Blick dafür, dass sich diese Ausprägungen zwar weitesgehend durchgesetzt haben und am häufigsten verbreitet sind, auf keinen Fall aber das „Nonplusutra“ darstellen. Fahren wir also das nächste mal los und richten unsere Stuten und Fohlen für eine Schau her werde ich es nicht mehr als Grundsatz betrachten, von dem einige wenige eine Ausnahme machen, sondern als eine mögliche Variante unter vielen. Fakt ist einfach, dass wir alle durch unsere Leidenschaft zum Pferd verbunden sind und wir alle das Ziel verfolgen, durch eine wohlüberlegte Vorgehensweise die Vererbung der Pferderassen in bestimmte Richtungen lenken und verbessern zu wollen. Wie genau unsere Ziele dabei aussehen und welche Art von Schmuck und Equipement wir als am Vorteilhaftesten ansehen ist  dabei völlig egal. Wichtig ist lediglich, dass wir immer mit Spaß und Freude an der Sache dabei sind und wir zu jedem Zeitpunkt im Sinne unserer Pferde nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Danke an die Oakstead Shire Horse Show, dass ich meinen Horizont dank euch wieder ein ganz kleines Stück erweitern konnte.

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