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Sechs Kinder und sechs Erzieherinnen bilden die Schmetterlingsgruppe unseres neu gegründeten betriebsinternen Kindergartens. Eine relativ große Anzahl an Aufsichtspersonen kommt auf eine überschaubare Zahl an Zöglingen. Was vielleicht bei einem normalen Kindergarten überzogen erscheinen mag ist bei unserer kleinen Stuten- und Fohlenherde naturbedingt festgelegt und ich würde behaupten auch notwendig – denn die kleinen Rabauken werden schnell kräftig und halten sowohl Mutterstute als auch Züchter und Pfleger auf Trab. Ich empfinde es täglich als Ausgleich, Zeit bei unserer Stuten- und Fohlenherde zu verbringen. Auch wenn für die Pflege und die Kontrolle gesorgt ist überzeuge ich mich doch gern immer selbst noch einmal von dem Wohl der Tiere. Zusätzlich muss ich gestehen, dass auch ein bisschen Eigennutz mit reinspielt, denn die zufriedenen Stuten und die kleinen Fohlen können einem ziemlich schnell ein sehr breites Grinsen aufs Gesicht zaubern. Das Grasen und Schnauben der Stuten, gefolgt von dem Quietschen der spielenden und dem Schnarchen der schlafenden Fohlen wirkt besser als jede Beruhigungsmusik und es ist meiner Meinung nach spannender als jedes Buch, die Interaktion in einer Herde bestehend aus Mutterstuten und ihrem Nachwuchs zu verfolgen.

Das Thema Aufzucht wird berechtigterweise in ganz Deutschland und mittlerweile auch in vielen Nachbarländern groß geschrieben. Dennoch gibt es vermutlich kaum ein Gebiet, auf dem sich die Geister so arg scheiden wie bei diesem. Es gibt viele verschiedene Wege, welche man bzgl. der Aufzucht seiner Fohlen wählen kann und meist ist jeder Züchter von seiner eigenen Methode überzeugt und sieht diesen als besten und einzigen Weg an. Ich hingegen sehe das etwas entspannter und denke, dass die meisten wissen, was für ihre individuelle Stute und dem dazugehörigen Fohlen am Besten ist. Jedes Pferd hat seinen eigenen Charakter, reagiert gut und weniger gut auf Wetterumschwünge und genauso ist auch jedes Fohlen individuell. Während manch ein Nachwuchs etwas braucht um sich zurecht zu wachsen und die ersten Wochen vielleicht noch etwas schwach und wackelig auf den Beinen ist, möchte man bei manchen frisch gebackenen Fohlen meinen, sie seien schon drei Wochen im Fitnessstudio gewesen. Wir entscheiden uns seit Jahren für die Aufzucht in einer Herde und haben diese Entscheidung bislang nicht bereut. Mit der Überzeugung im Hinterkopf, dass dies nicht der einzige und vielleicht für viele auch nicht der optimalste Weg ist, möchte ich euch diese Aufzuchtmöglichkeit etwas erläutern und näher bringen.

Unsere Fohlen wurden dieses Jahr Ende Februar beginnend bis zum 1. April geboren. Ein Zeitraum, in dem es draußen noch arg kalt war und der Frost oder der Regen uns fast täglich heimsuchte. Während viele der Meinung sind, dass die Fohlen so schnell wie möglich, am besten sogar sofort ihre natürliche Umgebung kennenlernen sollten, lassen wir unsere Fohlen die ersten zwei bis drei Tage zunächst in der Abfohlbox. So haben Mutterstute und Fohlen genügend Zeit sich in der sicheren, geschützten Umgebung kennenzulernen und sich in ihrem Trinkryhmus einzuspielen. Nach dem spätestens dritten Tag – natürlich wieder abhängig von den individuellen Umständen – werden die Fohlen dann etwas munterer und versuchen schon einmal die ersten Hüpf- und Springversuche in der Box. Wir haben das Glück einer großen neuen Halle und wagen nun den ersten Ausflug mit Mutterstute und ihrem Nachwuchs. Meist sind die Kleinen erst einmal derart eingeschüchtert von der Umgebung, dass sie eine menschliche Stütze benötigen, welche ihnen den Weg hinter der Mutter her weist, ihnen Sicherheit und bei allzu großer Unsicherheit auch einen sanften Druck von hinten gibt. Heile in der Halle angekommen dauert es nicht lange bis die Stute sich die Beine vertritt und das Fohlen automatisch, aus Angst seine Mutter zu verlieren, hinterherläuft. Die erste Runde noch etwas wackelig, die zweite Runde schon sicherer und die dritte Runde häufig schon richtig mutig lernen die Fohlen innerhalb von wenigen Minuten ihre Beine zu sortieren und Vertrauen in ihren eigenen Körper zu gewinnen. So verfahren wir die ersten Wochen, die Stuten kommen nach und nach mit dem dazugehörigen Fohlen in die Halle und wir erhöhen die Tobezeit ganz nach Gefühl, je nachdem wie sich der Nachwuchs macht. Wichtig ist, dass man ihnen zwar ermöglicht ihre Beine zu vertreten, aber doch schaut, dass sich das Fohlen nicht übernimmt. Ohne Kondition, gerade frisch geboren, fängt das Fohlen sehr schnell das Schwitzen an, sodass die Gefahr einer Erkältung steigt. Wird es dann draußen wärmer kommen sie auf den Paddock – immer noch einzeln – und anschließend zum Angrasen auf ein kleines Stück Wiese, welches rundherum mit festen Zäunen gesichert ist. Die ersten Stunden versuchen wir immer bei den jeweiligen Fohlen dabei zu bleiben, denn sie brauchen meist ein paar Bruchlandungen im Zaun, bis sie verstanden haben, dass sie dort besser nicht durchlaufen. Was vielleicht für den ein oder anderen Unwichtig erscheint ist der erste wichtige Grundbaustein in der Erziehung der Fohlen und entscheidet darüber, ob man die Weidezeit „genießen“ kann oder damit verbringt, ausgebüxte Fohlen wieder einzufangen. Ist nun auch das letzte Fohlen auf der Welt und hat sich genügend gekräftigt wird je nach Wetterlage entschieden, wann wir versuchen die Herde zu bilden. Bei uns war es Mitte Mai soweit, dass wir das Wetter für geeignet hielten die Stuten mit ihren Fohlen erstmal tagsüber zusammen auf die Weide zu lassen. Von da an gilt es Hoffen und Daumen drücken, dass alles gut geht. Sicherlich kann man mit einer großflächigen und ebenen Weide dazu beitragen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls geringer wird. Nichts desto trotz müssen die Stuten aber, wie in jeder anderen Herde auch, ein Rangverhältnis bilden und sind aufgrund ihres Beschützerinstinktes nicht unbedingt zimperlich. Bislang, toitoitoi, ist immer alles schadenfrei von statten gegangen. Dennoch muss man sich bei einer derartigen Aktion immer vor Augen halten, dass ein Fohlen, welches ausversehen zu der falschen Stute läuft, schnell mal einen Tritt von dieser abbekommen kann. Es dauert nicht lange, da kehrt Ruhe in der neu formierten Herde ein und das Verlangen nach Gras überwiegt. Die ersten Tage holen wir sie abends rein, um die Fohlen vor möglichen Wetterumschwüngen zu schützen und den Stuten die Gelegenheit zu geben sich auszuruhen und in Ruhe ihr Kraft- und Mineralfutter zu sich zu nehmen. Spätestens aber wenn es unangenehm heiß wird gehen wir dazu über die Herde 24 Stunden auf der Wiese zu lassen. Dort weht immer eine Brise von Wind und die Tiere regulieren ihre Temperatur durch die stetige langsame Bewegung. Holen wir sie hingegen über die Mittagszeit rein, fangen sie trotz des kühlen Altbaus das Schwitzen an. Nun steht unsere kleine Herde also 24 h auf der Weide, ist mit zwei Wasserfässern versorgt und hat zusätzlich eine überdachte Heuraufe, falls das Gras nicht mehr schmecken sollte. Sollte es doch einmal tagelang Regnen oder Gewittern dauert es nur ein paar Minuten, dann sind sie wieder in ihrem sicheren Stall.

Warum wir diese Art von Aufzucht wählen? Sicherlich ist die gewählte Alternative nicht die sicherste von allen: Die Fohlen können sich erkälten, sie können durch den Zaun laufen und sich bei dem Umgang mit den anderen Stuten verletzen. Die ein oder andere kleine Schramme bleibt definitiv nicht aus. Dennoch: auch Kinder essen Erde, fallen hin und ziehen sich Verletzungen zu und gerade aus diesen Erfahrungen härten sie für das Leben ab und neben ihre ersten eigenen Erfahrungen mit. Ein Trecker überholt uns? Kein Problem. Eine Regenschirmkolonne bahnt sich den Weg an der Wiese vorbei? Ebenfalls kein Problem. Die Fohlen sehen in den ersten Wochen der Aufzucht so unwahrscheinlich viele Dinge, die sie als völlig normal für ihren weiteren Lebenslauf abspeichern. Ein Kran rechts, Kühe links, Gänse und und und: diese Dinge werden den zukünftigen Reitern das Leben einmal nicht mehr schwer machen. Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Stuten selbst eine ungeheure erzieherische Funktion einnehmen. Während die eigene Mutterstute vielleicht noch Nachsehen hat, zeigt zumindest eine andere Stute dem Fohlen, dass man nicht einfach in das Halfter eines anderen Pferdes reinbeißt und zieht und zerrt was das Zeug hält. Solche Momente kann man sehr gut beobachten, wenn man Zeit auf der Weide verbringt. Jeder der Stuten und auch die Fohlen unter sich tragen Tag für Tag einen Teil dazu bei, dass die Fohlen lernen was richtig und was falsch ist. Jeder Pfleger, der einen sechs Wochen alten Hengst begegnet weiß, dass dieser für sein Leben gern zwickt und knibbelt. Egal welcher Tätigkeit man nachgeht, man muss immer mit einem Auge das Fohlen beobachten, damit es einen nicht doch hinterrücks in den Hintern beißt und egal wie oft man ihn ermahnt: Er tut es trotzdem. In einer Herde dauert es jedoch keine Woche, da hören auch die frechsten Hengste mit dem Zwicken auf, die aufmüpfigsten Stuten steigen dich nicht mehr an und du kannst bedenkenlos über die Weide gehen ohne befürchten zu müssen von hinten zum „Spielen“ aufgefordert zu werden.

Diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass wir uns zumindest heute immer wieder für diesen Weg der Aufzucht entscheiden würden. Ich leugne nicht, dass es nicht einfacher wäre die Stuten einzeln in der Box mit Kraftfutter zu versorgen und ja, die Fohlen können sich auch mal einen kleinen Schnupfen einfangen. Aber dennoch konnte uns noch kein Argument davon überzeugen, auf die zufriedenen Stuten mit ihren glücklichen und losgelassenen Fohlen zu verzichten, welche Tag ein Tag aus bei zahlreichen Seerundgängern und besonders natürlich bei uns selbst Glücksgefühle hervorrufen. Unser kleiner betriebsinterner Kindergarten bestehend aus sechs Kindern und ihren Erzieherinnen dient zwar nicht dem staatlichen Sozialplan, trägt aber dennoch bei vielen zu einem besseren Wohlbefinden bei. Hoch lebe die Schmetterlingsgruppe !

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Dieser Beitrag wurde von Alisa geschrieben.




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