14795867_10211665298814824_780820113_oIch widme mich heute mal einem sehr unangenehmen Thema, welches mir seit einer Weile im Kopf herumgeistert, welches sehr ehrlich, sehr persönlich und fernab von allen rosigen Pferdemädchen-Tagen ist, die man eigentlich erwartet. Gerade im Laufe des vergangenen Jahres hat sich mein Leben stark gewandelt, ich bin erwachsener geworden und habe langsam aber sicher auch eine andere Sichtweise auf viele Dinge entwickelt, was denke ich ganz normal ist.

Je mehr ich arbeite und je mehr ich mich beruflich in die Richtung entwickle, die mir absolut zusagt, desto mehr lerne ich eine Sache zu schätzen: Zeit! Zeit ist ein so kostbares Gut und ich habe leider sehr wenig davon und um ehrlich zu sein wird es immer weniger und weniger, je mehr ich mache. Reiten ist eigentlich für mich eine sehr schöne Sache, die meinen Kopf frei kriegt, allerdings gleichermaßen eine sehr große Verantwortung, denn ich kann nicht einfach sagen, dass ich die ganze nächste Woche einfach nicht reiten gehe, weil ich keine Zeit habe, oder – auch wenn manche das nicht verstehen werden – vielleicht auch mal keine Lust, weil der Tag an sich so vollgepackt war, dass ich dann einfach keine Reserven mehr habe. Das ist etwas, was vermutlich nicht alle Reiter zugeben werden, vielleicht gibt es auch Reiter, die dieses Gefühl gar nicht kennen. Aber manchmal habe ich schlicht und ergreifend gar keine Lust, zu reiten. Das kommt selten vor, doch manchmal ist es eben so. Manchmal habe ich auch keine Lust auf Arbeit, einkaufen zu gehen, Sachen zur Post zu bringen oder mir etwas zu kochen. Ich denke, dass es ganz normal und menschlich ist, manchmal auf das ein oder andere gar keine Lust zu haben.

Da sich für mich aktuell ganz neue Wege auftun, vor allem beruflich, bleibt eine weitere Frage: habe ich überhaupt die Kapazität, einen Blog, YouTube, meinen neuen Job, Familie, den Rest meines Studiums, meine Freunde, meinen Freund, Sheldon, den Haushalt (ja, denn auch den gibt es wenn man erwachsen ist) und die Pferde alle unter zu bringen und dabei nicht völlig auszubrennen, sodass ich alles am Ende vielleicht halb, nichts aber richtig mache? Bin ich in der Lage zu differenzieren zwischen wollen und müssen? Manchmal kann man noch so oft umstrukturieren, dennoch bleibt am Ende eines nicht, egal wie viel man bastelt, macht und tut: Zeit!

Auch mein Tag hat nur 24 Stunden und ich gebe mir jetzt schon unheimlich viel Mühe, aus allem das möglichst Beste zu machen und bin offen und ehrlich: manchmal versage ich total dabei. Aber auch das ist menschlich und gibt mir ehrlich gesagt nicht unbedingt zu denken. Was mir aber aufgefallen ist in der letzten Zeit: ich sage ganz oft, dass ich reiten gehen muss, nicht, dass ich reiten gehen darf. Dass ich mir hier ein enormes Privileg ermögliche, reiten zu gehen wann und wie ich es will, das lasse ich leider zu oft aus den Augen. Reiten ist für mich, so gerne ich es auch heute noch tue, ein Punkt auf meiner täglichen To-Do-Liste geworden, etwas, das ich abhake. Ich reite für mein Leben gerne, habe auch den Spaß daran nicht verloren, aber die Leichtigkeit, die ich früher gespürt habe, ist mittlerweile leider nicht immer vorhanden. Vielleicht gehört das zum Erwachsen-Sein dazu, dass wenn man plötzlich ganz andere Sorgen hat und sich das Leben eben nicht mehr nur um Pferde und Ponys dreht, man seinen Reitalltag mit etwas anderen Augen sieht. Nicht mit weniger Leidenschaft, aber mit einer vermutlich größeren Portion Realismus.

Mittlerweile ist es unheimlich viel Verantwortung, finanziell, zeitlich – alles Dinge, die ich zwar gewuppt kriege, die mich aber nachdenklich stimmen und ich mich frage: möchte ich das alles überhaupt machen? Habe ich vielleicht andere Prioritäten? Was ist eigentlich mit meinem „Social Life“ und den Aktivitäten, zu denen ich später, ganz oft sogar gar nicht hin kann, weil ich andere Verpflichtungen habe? Wie sieht meine private Zukunft aus, wenn ich weiterhin auf so vielen Hochzeiten so intensiv tanze? Dadurch, dass mein Blog mein Sprungbrett für meine momentanen Karriereschritte gewesen ist und ich zwar plane, ihn weiter zu führen, ihn allerdings früher oder später nicht mehr als meinen Hauptjob machen möchte, ist das Reiten auch immer weniger „Teil meines Jobs“, genau so wie die Zeit im Stall.

Darf man sagen, dass man Pferde zwar liebt, sie aber nicht alles im Leben sind? Ist es kaltherzig das zu sagen und ist man dann vielleicht in der Sparte nicht richtig aufgehoben, sondern sollte lieber ins Fitnessstudio gehen? Ich denke nicht, auch wenn ich gleichermaßen weiß, dass viele vermutlich nicht ganz verstehen können, wie für mich meine Pferde und mein Hund nicht alleine an erster Stelle stehen. Das bedeutet nicht automatisch, dass sie mir egal sind, es bedeutet nur, dass ich in meinem Leben noch so viele andere, wundervolle Dinge habe, denen ich gerne Zeit widmen möchte und die in ihrer Wichtigkeit mit den Tieren in meinem Leben gleich auf sind.

Ich denke also aktuell viel an meine Zukunft, privater und beruflicher Natur, überlege, was passiert, wenn ich irgendwann doch mal ein Haus kaufen will, wenn ich irgendwann eine Familie gründen möchte und eben noch mehr Dinge dann auf der Wichtigkeits-Skala nach oben rücken, um es mal ganz bildlich zu formulieren. Warum ich mir jetzt, wo ich noch kein Haus kaufen will und doch noch weit entfernt davon bin, Kinder in die Welt zu setzen, Gedanken darüber mache? Ganz einfach: Reiten und Pferde sind für mich ein hoch emotionales Thema, ich hänge an meinen Tieren und ich liebe sie, bin aber aktuell in der Lage, mich von zwei von ihnen doch noch etwas schmerzfreier zu trennen, als ich es in den kommenden Jahren könnte, wenn ich mehr mit ihnen zu tun habe. Die Rede ist natürlich von Cosma und Carlotta, denn die beiden sind zwar natürlich in meinem Herz verankert, doch sehe ich sie nicht jeden Tag wie Caesarion und Civa, sprich ich würde, rein von meinem Alltag her, nicht unbedingt spüren, dass sie weg sind. Ich habe noch keine großartige Bindung zu ihnen, weswegen mir aktuell doch im Kopf herumgeistert, ob ich wirklich, wirklich fünf Pferde haben möchte. Ich fühle mich nicht von der Menge bedroht und habe Angst, dass alles nicht zu schaffen – mir stellt sich nur die ganz nüchterne Frage, ob ich das auf Dauer wirklich machen möchte. Wir reden hier von Tieren, die für eine größere Zeitspanne unseres Lebens bei uns sind, mit denen ich mindestens die nächsten zwanzig Jahre zu tun haben werde – in zwanzig Jahren bin ich 45, hoffentlich schon Mutter, glücklich verheiratet und stolze Besitzerin eines Eigenheims. Klingt spießig? Vielleicht. Trotzdem wünsche ich mir das! Habe ich wirklich die Zeit und die Lust, neben diesem neuen Lebensabschnitt später noch parallel fünf Pferde zu reiten? Will ich, dass meine Pferde dann von anderen geritten werden – was sich mir übrigens nicht erschließt, denn meines Erachtens „brauche“ ich keine Pferde zu haben, damit am Ende andere drauf sitzen? Natürlich mache ich mir doch recht früh darum Gedanken, aber ich merke, wie ich aktuell immer reifer, klarer und strukturierter werde, wie ich zwar gerne Zeit im Stall verbringe, andere Dinge aber eben, wie schon erwähnt, genau so wichtig für mich sind. Dass ein Nachmittag mit Freunden genau so entspannend ist, wie ein Nachmittag im Stall, beides zusammen aber oft neben Job eine organisatorische Meisterleistung darstellt.

Außerdem bin da zudem noch ich. Ich als Individuum, ich als Mensch, der gerne auch einfach mal alleine ist. Auch das ist etwas, was man nicht immer sagen darf: ich bin gerne alleine. Dann wirkt man immer so unsozial! Doch ich mag mich, ich verbringe gerne mal Zeit mit mir alleine, in Jogginghose auf dem Sofa, gucke eine Serie und lasse die Seele baumeln, ohne Verpflichtungen. Ich gehe auch gerne einfach eine Runde laufen und habe damit mein Sportpensum für den Tag erreicht. Genau so habe ich aber auch Tage, an denen ich von morgens bis abends im Stall sein will. Die Erkenntnis, dass man nicht alles haben kann, gehört auch zum Erwachsen-Sein dazu, genauso wie der Fakt, dass jede Entscheidung Konsequenzen mit sich zieht.

Ich bin mir aktuell noch keiner Sache wirklich so richtig sicher, alles hat seine Vor- und Nachteile. Ich leide unter keinen Existenzängsten, habe keine finanziellen Probleme und stehe auch nicht kurz vor einem Burnout, genau so wenig bin ich schwanger oder habe einen Ring am Finger und plane gerade den Kauf oder Bau eines Eigenheims. Dennoch, irgendwann werden diese Dinge denke ich in mein Leben treten und werden auch ihren berechtigten Platz einfordern, der Hand in Hand mit Zeit einhergeht, die ich aufbringen muss – beziehungsweise darf und will. Ich weiß, dass ich zu keiner Zeit unüberlegt gehandelt habe, alle meine Taten waren logische Konsequenzen für mich und ich bereue keinen Schritt den ich gegangen bin. Damit das auch in Zukunft so bleibt, muss ich ein wenig in mich gehen. Ganz fernab von der rosaroten Brille, die man leider als ewiges Pferdemädchen aufgesetzt hat und die man nie wirklich richtig los werden wird, egal, wie sehr man sich anstrengt.




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