Nachdem ich vergangenes Jahr das erste Mal Onlineauktionen für Reitpferde und Fohlen wahrnahm, frage ich mich im Nachhinein schon, warum dieser Weg der Vermarktung nicht bereits vor wenigen Jahren erkundet wurde. Kaum einer wird heutzutage von sich behaupten können, dass er die große Versteigerungsplattform Ebay noch nicht genutzt hat, um ein Schnäppchen zu ergattern oder möglicherweise selbst etwas zum Verkauf anzubieten – ganz „bequem“ von Zuhause aus. Warum also ist man denn nicht schon etwas früher darauf gekommen, sich auch mit den Fohlen und Pferden an einer solchen Art von Vermarktung zu versuchen? Vermutlich war es die lange Tradition der Pferdezucht und die Hemmung vor den vielleicht nicht ganz so leicht abschätzbaren Gefahren des Internets, welche dazu führten, dass die Onlineauktionen erst im vergangenen Jahr so richtig in Erscheinung traten.

Ehrlich gesagt bin ich mir nicht ganz sicher, ob nicht vielleicht die Belgier oder Niederländer bereits zuvor Reitpferde und Fohlen über das Internet versteigerten. Zumindest sind beide Parteien immer sehr weit vorne dabei, wenn es um neue Entwicklungen und Erforschungen geht. Erstmalig wahrgenommen habe ich die Form der Vermarktung allerdings erst vergangenes Jahr im Frühjahr, als Paul Schockemöhle über seine Deckstation die erste PS-Online-Auction ins Leben rief. Über Facebook und deren Homepage wurden die Züchter aufgerufen, Nachkommen der Hengste der Deckstation Schockemöhle in Mühlen vorzustellen, um einen Platz in der Onlineauktion zu ergattern. Relativ überschaubar war bei dieser ersten Onlineauktion noch die Anzahl der vorgestellten Fohlen: Etwas um die 130 Fohlen waren es meine ich damals, was bei einer Vorauswahl gerade im Hinblick auf einen so exklusiven Veranstalter wie die Deckstation Schockemöhle relativ überschaubar war. Den Grund vermutete ich darin, dass sich viele Züchter erst einmal genau anschauen wollten, wie diese Auktionen im Internet angenommen wurden, bevor sie ihre erstklassigen Fohlen zum Verkauf darboten. Besonders für Züchter, welche vielleicht nicht unbedingt mit dem Internet groß geworden sind ist es doch erstmal eine ziemliche Umstellung, plötzlich nicht mehr in der Auktionshalle die Hand heben zu können, um das Fohlen zurück zu ersteigern, sondern stattdessen ein Button – und zwar den richtigen, zur richtigen Zeit – drücken zu müssen. Die Auktion lief sehr gut, der Stein wurde ins Rollen gebracht und bereits kurze Zeit später entschloss sich Paul Schockemöhle dazu, seine zweite PS-Online-Auction abzuhalten. Wie nicht anders zu erwarten wartete bereits bei diesem zweiten Termin ein wesentlich höherer Ansturm auf die Auswahlkommission und es dauerte nicht lange, bis sich auch einzelne Verbände, wie zum Beispiel der Westfalen Verband oder aber auch einige Privatunternehmer wie die TM-Auktionen dem „Trend“ anschlossen und Onlineauktionen ins Leben riefen.

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Aber ist es das denn wirklich nur? Ein Trend, der relativ zeitnah wieder verschwindet und erstmal nicht mehr wiederkehrt? Ich glaube tatsächlich, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Wir befinden uns mittlerweile im 21. Jahrhundert und das Internet wird mehr und mehr zu unserem Lebenspartner. Auch wenn es sich nach wie vor um eine noch nicht vollständig ergründete Thematik handelt, welche unheimlich viele Risiken und Gefahren mit sich bringt, in die wir reihenweise hinein tapern, so ist es bereits heute nicht mehr wegzudenken. Mehr und mehr machen wir Menschen uns die technologischen Fortschritte zu nutzen es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir für fast alle Bereiche des Lebens irgendwo einen Vorteil im Internet entdecken werden. Schnell, bequem, einfach: Diese Adjektive beschreiben wohl sehr gut, was für Vorteile das Internet birgt. Und so ist es auch mit den Fohlen- und Onlineauktionen.

Bevor man sich Gedanken über mögliche Vor- und Nachteile von Onlineauktionen im Vergleich zu altbewährten, traditionellen Versteigerungen bei den Verbänden oder im Rahmen von Turnieren macht, muss man erst einmal wissen, um was genau es sich bei den sogenannten Onlineauktionen handelt. Sicherlich sind die Bedingungen von Veranstalter zu Veranstalter individuell ausgearbeitet, sodass es hier und da zu kleinen Abweichungen kommen wird. Im Großen und Ganzen verfolgen sie allerdings alle das gleiche Prinzip: Bis auf die Vorauswahl und die spätere Übergabe des Fohlens werden sämtliche Aktivitäten – die Begutachtung, das Sammeln der Informationen und das Bieten – in das Internet verlegt. Meist wird bereits bei der Vorauswahl Video- und Fotomaterial angefertigt, welches im Anschluss für die Versteigerungsplattform genutzt wird. Die zum Verkauf dargebotenen Fohlen werden daraufhin für einen bestimmten, bereits vorher festgelegten Zeitraum zur Versteigerung freigeschaltet und das Bieten kann beginnen. Um als Käufer aktiv werden zu können benötigt man eine Registrierung, welche vom Auktionsteam freigegeben wird. So wird sichergestellt, dass der Bietende zweifelsfrei identifiziert und der Zuschlag im Nachhinein eindeutig zugeordnet werden kann. In diesem Versteigerungszeitraum – meist sind es zehn bis vierzehn Tage – ist es jederzeit möglich, ein Gebot abzugeben. Wird man als Käufer überboten oder hat man das Fohlen auf seiner Merkliste notiert, wird man via Email oder SMS unmittelbar über das neue Gebot in Kenntnis gesetzt. Während dieser Zeit steht das Auktionsteam meist rund um die Uhr zur Verfügung, um Fragen jeglicher Art zu beantworten und bei möglichen technischen Problemen zu helfen. Nähert sich die Auktion dem Ende, gibt es eine relativ simple Methode, jedem Bietenden noch die Möglichkeit des Zuschlages zu ermöglichen: Wird ein Gebot abgegeben, so wird die Zeit bis zum Auktionsende um eine bestimmte Zeit von wenigen Minuten verlängert. Dadurch wird gewährleistet, dass jeder noch die Chance hat den vorherigen Preis zu überbieten, obwohl die Zeit bereits abgelaufen war. Gerade bei solchen „länger laufenden“ Auktionen kommt es nicht selten vor, dass erst zum Ende der Auktion mit dem Bieten begonnen wird, um den Preis möglichst gering zu halten. Ganz nach dem Motto „wenn wir alle spät anfangen zu bieten, kann der Preis nicht mehr so arg in die Höhe schießen“ versuchen Käufer dadurch, den Preis möglichst gering zu halten. So ärgerlich wäre es jedoch auch für die Züchter und Aussteller, wenn der Zuschlag für eine geringe Summe erteilt wird, obwohl mehrere Interessierte noch gewillt gewesen wären, mehr zu bezahlen. Durch diese Methode des Verlängerns wird also gewährleistet, dass jeder die Chance zum weiteren Bieten bekommt, der Höchstbietende aber auch eine reelle Chance darauf hat, den Zuschlag zu bekommen, ohne dass der Konkurrenz noch stundenlang Überlegungszeit gewährt wird.

Im Prinzip wurde bei dieser Vorgehensweise das übliche Auktionsgeschehen sehr gut auf das virtuelle Leben übertragen: Auch in den Auktionshallen verharrt der Auktionator angemessen lang, um den Mitbietenden eine Chance für ein weiteres Gebot einzuräumen. Wird diese Chance jedoch nicht in einer angemessenen Zeit genutzt, so wird er dem Höchstbietenden gerecht und erteilt zeitnah den Zuschlag. Für den Aussteller/ Verkäufer ist die Zeit der Versteigerung relativ stressfrei: Das Fohlen muss zu keiner Präsentation gefahren werden und darf im heimischen Stall verweilen, während im Internet auf die zuvor angefertigten Videos geboten wird. Der Verkäufer sollte also lediglich das Bietgeschehen im Blick behalten und gegebenenfalls mitbieten, um das Fohlen zurück zu ersteigern. Bei Reitpferdeauktionen stehen die Pferde für die Zeit meist auf einem Hof zum Ausprobieren bereit, aber auch hier übernimmt die Organisation meist das Auktionsteam, sodass dem Aussteller keine weiteren zeitlichen Aufwendungen abverlangt werden.

Die Onlineauktionen liefen allesamt nicht schlechter oder besser als die traditionellen Auktionen: Wie üblich gab es auch im Internet sowohl Preisflauten als auch Ausreißer nach oben. Hört man sich unter den Züchtern und Verbandsangehörigen einmal um, hört man nicht selten den Kommentar, dass Onlineauktionen so schnell wieder verschwinden würden, wie sie aufgekommen sind. Dieser Meinung bin ich allerdings gerade nicht und ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass die Onlineaktionen nach und nach an Bedeutung gewinnen werden. Der stetige technische Fortschritt macht es uns bereits jetzt möglich, in bester, hochauflösender Qualität das Fohlen vom Sofa aus zu begutachten. Wer glaubt, dass man auf den Zuschauerrängen der Tribüne mehr erkennt, liegt weit daneben. Stattdessen schielt man teils an Köpfen vorbei und erkennt – je nach Sitzposition und Qualität der eigenen Sehleistung – wenn man Glück hat etwas mehr als nur einen schwarzen Punkt. Das mag vielleicht etwas übertrieben dargestellt sein, aber im Prinzip ist es die Wahrheit: Die Technik ist derart weit fortgeschritten, dass man alles, was man erkennen möchte, auch von Zuhaus aus erkennen wird. Sicherlich gibt es bei einer Onlineauktion nicht die Möglichkeit, dass Fohlen noch einmal auf festem Boden, ganz in Ruhe zu mustern und zu begutachtet. Wenn wir aber einmal ehrlich sind, ist es auch auf traditionalen Auktionen nur noch selten zu sehen, dass Kaufinteressenten noch einmal zusätzlich zur Box kommen, um das Fohlen akribisch zu betrachten. Hinzu kommt, dass man bequem online mitbieten kann und nicht den Zwang hat, an dem besagten Tag bei der Veranstaltung zu erscheinen. Besonders im Zeitalter des stressigen Alltages trauert man um jeden Tag, der irgendwo „weg“ ist. Bei Onlineauktionen hingegen lässt es sich bequem per Handy mitbieten, während man einer anderen Tätigkeit nachgeht. So wird vielleicht auch der ein oder andere Interessent in Anbetracht der eingesparten Fahrtzeit motiviert sein ein Gebot abzugeben. Auch für die Züchter bedeutet die Onlineauktion ein hohes Zeitersparnis: Nach dem besagten Auswahl- und Videotermin dürfen Mutterstute und Fohlen den heimischen Hof hüten und müssen weder zu einer Präsentation, noch zu einer Versteigerung, noch müssen sie eingeflochten, gewaschen, aufbereitet und ewig lange durch ganz Deutschland gefahren werden. Bei Reitpferden ersetzt ein Video selbstverständlich keine persönliche Begutachtung und ein Probereiten: Dieses Probereiten hätte man allerdings auch bei einer traditionalen Versteigerung, nur dass man bei dieser eben „extra“ für die Versteigerung nochmal anreisen muss.

Sicherlich darf die Möglichkeit von technischen Defekten und Betruges nicht verkannt werden. Hinzu kommt natürlich die berechtigte Sorge, dass man bei einer Liveauktion aufgrund der letzten Präsentation und der „Auktionsstimmung“ den einen oder anderen mehr zum Mitbieten animiert. Bei einer normalen Auktion kann man irgendwo doch nochmal ein Stück weit besser einschätzen, wie groß die Käuferschaft überhaupt ist und man braucht nicht in Sorge zu verfallen, dass die Onlineauktion durch das – auf der einen Seite sehr praktische – „Nebenbei“ schnell einmal in Vergessenheit gerät. Tatsächlich ist es auch mir schon des Öfteren passiert, dass ich den Ablauf einer Versteigerung auf Ebay verschlafen habe, trotz SMS, trotz Email, trotz Benachrichtigung. Vielleicht ist es also in mancher Hinsicht gar nicht so verkehrt, wenn man sich für so einen wichtigen Kauf tatsächlich einen Tag für die Auktion frei nimmt, um das Bietgeschehen wirklich bewusst zu erleben und nicht Gefahr zu laufen, das wichtige Finale zu verpassen.

All diese Argumente sind keinesfalls unberechtigt und dennoch glaube ich, dass die Vorteile ausreichend sind, um dem Geschäft der Onlineauktionen weiter nachzugehen. Ich glaube nicht, dass es irgendwann nur noch Pferdeversteigerungen im Internet geben wird: Dafür ist jeder Weg der Vermarktung einfach zu individuell, als dass man auf die Vorteile einer dieser Vorgehensweisen komplett verzichten würde. Stattdessen bin ich fest davon überzeugt, dass die Onlineauktionen mittels wachsender Erfahrungen relativ zeitnah noch weiter optimiert werden und es in den nächsten Jahren zu einer gesunden Kombination zwischen der Versteigerung vor Ort und der Versteigerung im Internet kommen wird. Die enorm hohe Reichweite bis hin ins Ausland, der geringe Aufwand für Züchter, Veranstalter und Käufer sowie der einfache, schnelle und vor allem bequeme Ablauf: All das sind Komponenten, die meines Erachtens dafür sorgen werden, dass Onlineauktionen keinesfalls nur ein Trend sind.