Die Hochsaison der Zucht 2018 hat begonnen. Inmitten von Stutenüberwachungen, Fohlengeburten, Vorauswahlterminen und Auktionen heißt es nun auch wieder, neue Besamungen in die Wege zu leiten und damit den Grundstein für die Fohlensaison 2019 zu legen. Ich finde es immer wieder unfassbar interessant, anhand welcher Kriterien die Züchter ihren Deckhengst aussuchen. Noch viel faszinierender finde ich jedoch, wie die Züchter zu ihrer endgültigen Auswahl kommen und welche Merkmale schlussendlich ausschlaggebend dafür sind, dass nun Hengst X eingesetzt wird, statt der ebenso favourisierte Hengst Y. Vor zwei Jahren noch war es für mich schleierhaft, wie zum Teufel man nun diese schwierige Entscheidung treffen sollte. Erst das Finale des Hannoveraner Reitpferde-Championats in Verden und mein Zusammentreffen mit Don Martillo brachte mir in dieser Hinsicht „neue Erkenntnisse“.

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Immer häufiger findet man das Phänomen vor, dass sich Züchter von Moderichtungen und Trends leiten lassen. Statt explizit zu schauen, welche Schwächen und Stärken die eigene Zuchtstute vorweist und welcher Hengst nun mittels seiner Eigenschaften und Merkmale geeignet erscheint, diese Defizite der Stute zu kompensieren und möglicherweise darüber hinaus sogar noch ihre Stärken zu festigen, setzen die Züchter Hengste ein, welche aufgrund ihrer Sport- und Zuchterfolge in aller Munde zu sein scheinen. Es wird also einer Mode gefolgt, welche bereits bei vielen anderen Züchtern zum Erfolg geführt hat und dabei wird schlicht und ergreifend übersehen, dass man mit einem individuell zu der Stute passenden Hengst ein noch viel besseres Ergebnis hätte erzielen können. Macht man sich also häufig Monate vor der Besamung Gedanken über den nächsten einzusetzenden Hengst, so sollten an erster Stelle rein logische Aspekte dazu führen, dass man die Auswahl der zur Debatte stehenden Hengste selektiert und einschränkt. Bei diesem so wichtigen ersten Schritt stehen den Züchtern umfassende Beratungen der Deckstationen zur Verfügung, welche ihre aufgestellten Hengste am Besten kennen und gemeinsam mit dem Züchter über eine mögliche Anpaarung fachsimpeln können. Ob man letztlich die richtige Auswahl trifft, steht immer in den Sternen. Man kann sich noch so viele Gedanken machen und Ratschläge von Fachmännern einholen: Eine Garantie für ein rundum gelungenes Fohlen wird einem niemanden geben können. Und doch ist es von essentieller Bedeutung, dass man dem Aspekt des „Zueinanderpassens“ von Stute und Hengst die oberste Priorität einräumt.

Hat man seine Auswahl anhand dieser Vorgehensweise auf eine kleines Angebot von Deckhengsten reduziert, so finde ich es immer wieder faszinierend, aufgrund welcher Aspekte sich die Züchter schlussendlich für einen dieser Hengste entscheiden. Vorausgesetzt sie gefallen dem Züchter allesamt und bringen rein objektiv betrachtet sämtliche Eigenschaften mit, welche bei der eigenen Stute daheim noch verbesserungswürdig erscheinen, so stelle ich es mir sehr, sehr schwierig vor, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Besonders im Hinblick auf den Umstand, dass wir hier von allesamt grandiosen Hengsten sprechen, erscheint eine Unterteilung in „schlechter“ und „guter“ Hengst kaum legitim. Stattdessen umfasst das Angebot an Deckhengsten sozusagen die „Sahnehäubchen“ der Pferdezucht, welche einer strengen Selektion standgehalten haben und sämtliche Anforderungen der Verbände für eine Weitervererbung mitbringen. Die Deckhengste sind also die Spitze der Genetik, sodass man allenfalls vielleicht eine persönliche Wertung vornehmen kann und ein Hengst dabei auf ein größeres Gefallen bei einem selbst stößt, als ein anderer Hengst es tut.

Auch ich schaue mir nahezu täglich Hengste an, durchforste dessen Abstammungen, beschäftige mich mit ihren Stärken und Schwächen und versuche nachzuvollziehen, warum nun genau ein Hengst für eine Stute auserwählt wurde. Wird es mir vom jeweiligen Züchter erklärt, so ist es grundsätzlich immer verständlich und nachvollziehbar. Und doch wusste ich bis vor zwei Jahren nicht, wie zum Teufel man sich nun zwischen seinen übrig gebliebenen Favouriten entscheiden sollte. Die Antwort darauf bekam ich vor zwei Jahren bei dem Finale des Hannoveraner Reitpferde-Championats für vierjährige Hengste in Verden. Während ich zuvor von der befreundeten Züchterfamilie mit spannenden Hengsten versorgt wurde, bei denen es lohnenswert sei sie sich einmal anzuschauen, so entdeckte ich im Rahmen dieses Turniers den allerersten Hengst, von dessen Qualität ich unabhängig von der Meinung anderer vollends überzeugt war. Wie üblich schaute ich mir auch bei dem besagten Turnier im Vorhinein die Starterlisten an und ließ mich mit Tipps versorgen, welche jungen Talente besonders spannend und interessant für die Zucht seien. Ich erinnere mich noch genau, das Bon Cour einer der vom Züchter favourisierten Hengste war und dieser Hengst auch tatsächlich das Championat für sich gewinnen konnte. Wer ihn allerdings – für mich persönlich – vollkommen in den Schatten drängte war Don Martillo, ein Don Juan de Hus-Nachkomme aus dem berühmten Stamm der Shocolata, gezogen von niemandem Geringeres als Axel Windeler. Ohne jegliches Hintergrundwissen faszinierte mich dieser Hengst dermaßen, dass ich von der ersten Sekunde an wusste: Dieser Hengst würde es sein, wenn ich mein erstes Zuchtprojekt starten würde. Richtig genau sagen, warum wieso und weshalb ich nun genau diesem Hengst verfallen bin, kann ich euch nicht. Aus Züchtersicht ein blutiger Laie fehlte es mir – und mal nebenbei bemerkt heute auch immer noch – an Wissen, Erfahrung und Können, als dass ich den Hengst fachlich hätte beurteilen können. Stattdessen war es seine unfassbare Präsenz, Ruhe und Kraft, welche mich vollständig in den Bann zogen und seine Ausstrahlung, welche sämtliche andere Hengste wie zaghafte Stuten ausehen ließ, tat ihr Übriges.  Kurz: Der Funken war bei mir übergesprungen.

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An diesem Tage habe ich etwas ganz, ganz wichtiges gelernt. Man kann sich noch so viel mit Deckhengsten beschäftigen, suchen, auswählen und Ratschläge einholen: Springt der Funke bei einem selbst nicht über, so wird man nie vollends von dem individuellen Zuchtprojekt überzeugt sein. Hat man seine Auswahl also anhand von den oben genannten logischen Aspekten eingeschränkt, so ist es eine reine Herz- und Bauchsache, die schlussendlich zur endgültigen Auswahl führen sollte. Don Martillo ist also nun der erste Hengst, welchen ich ganz alleine, ohne vorheriges „darauf-aufmerksam-machen“ für mich entdeckt habe und ich wusste, dass es dieser Hengst sein sollte, wenn meine geliebte Bella Mia in ein paar Jahren hoffentlich mir gehört und ich mein ganz eigenes Zuchtprojekt würde starten können. Wie nicht anders zu erwarten verfolgte ich Don Martillo nach diesem Ereignis auf Schritt und Tritt, schaute mir seine Videos an, suchte nach neuen Ergebnissen und informierte mich über seinen Mutterstamm. Während er bei dem Finale des Hannoveraner Reitpferde-Championats der vierjährigen Hengste 2016 noch knapp hinter Bon Cour zurückblieb, so siegte er wenige Monate später im Bundeschampionat, während Bon Cour Vize-Bundeschampion wurde. Es folgte ein grandioser Sporttest, bei dem Don Martillo Höchstnoten abstaubte und unter anderem für seinen Schritt eine sagenhafte 10,0 erhielt – perfekt also für mein kleines Püppchen, dessen Schritt nicht unbedingt zu ihren Stärken zählt. Kein Jahr später durfte ich ihn dann vor meinem Laptop bejubeln, als Don Martillo die Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde in Ermelo gewann. Aufgrund seiner wahnsinnigen Karriere dauerte es nicht lange, bis Don Martillo innerhalb der Sattelkörung für den Hannoveraner Verband gekört wurde und meinem Traum vom Don Martillo-Fohlen nun nichts mehr im Wege stand.

Und doch legte ich meinen Wunsch vorerst auf Eis, da ich wusste, dass ich Bella Mia vor Ende meines ersten Staatsexamens im Jahr 2020 keinesfalls würde übernehmen können. Die Erfüllung des Traumes zunächst noch in weiter Ferne, darf ich heute nun voller Stolz auf den Babybauch von Bella Mia schauen, ganz in dem Wissen, dass darin gewissermaßen mein erstes Zuchtprojekt schlummert. Marius, der Züchter von sämtlichen Fohlen & Youngstern, welche ihr auf den Beitragsbildern zu sehen bekommt und der Eigentümer der Zuchtstuten hat mir (un-)bewusst einen riesigen Traum erfüllt, indem er Bella Mia vergangenes Jahr von Don Martillo belegen lassen hat. Zwar wird auch dieses Fohlen keinesfalls meines sein, aber für mich ganz persönlich wird das hoffentlich gesund zur Welt kommende Fohlen das erste Zuchtergebnis sein, welches ich unabhängig von der Meinung anderer – ebenso wie es Marius nun getan hat – gezogen hätte. Ihr könnt euch vermutlich vorstellen, wie besonders dieses Fohlen also für mich sein wird und dementsprechend aufgeregt blicke ich auf den kommenden Monat, in dem es zur Geburt kommen wird.

Bei weitem kann ich euch allein durch Worte nicht das Gefühl zukommen lassen, welches einen heimsucht, wenn man den „richtigen“ Hengst gefunden hat. Und doch hoffe ich sehr, dass auch ihr bei eurem eigenen Zuchtprojekt auf euer Herz hört und diesen Moment erleben dürft, wenn der Funke überspringt. Wir Menschen haben heutzutage einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Pferdezucht und dessen Genetik. Vollends bestimmen können wir allerdings – Gott sei Dank – noch nicht, was genau uns am Ende des Weges erreichen wird. Stattdessen behält Mutter Natur glücklicherweise noch die Oberhand und sorgt dafür, dass wir uns schlussendlich – trotz einer monatelangen Suche nach dem perfekten Hengst – bei weitem nicht sicher sein können, was für ein Fohlen, wann und wie geboren werden würde. Aus diesem Grund finde ich es umso wichtiger, dass wir neben den Aspekten der geeigneten Anpaarung auf unser Herz hören und nur die Hengste einsetzen, welche uns vollends überzeugen und uns in ihren Bann ziehen. Nur dann werden wir voller Stolz und Liebe auf das neugeborene Lebewesen schauen, egal wie perfekt es letztlich sein wird.

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