Aus aktuellem Anlass bietet es sich an, das lang umstrittene und nicht unbedingt einfache Thema des Brennens und des Chippens aufzugreifen. In der Gefahr vielleicht nicht jeder Ansicht gerecht zu werden möchte ich gerne – unabhängig von den Beweggründen und den Vor- und Nachteilen dieser und jener Vorgehensweise, welche zu genüge in Reitsportforen und Zeitschriftenartikeln zu finden sind – meine ganz persönliche Erfahrung schildern.

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Es ist schon fast Tradition, dass wir einmal im Jahr von den Brennbeauftragten des Hannoveranerverbandes besucht werden. Man kennt sich bereits von diversen Jahreshauptversammlungen, Fohlenschauen, Auswahlterminen für Auktionen und natürlich den Brennterminen der vergangenen Jahre. Es ist also jedes Mal eigentlich ein erfreuliches Treffen, bei dem man sich über die aktuellen Themen in der Zucht austauschen und über den geplanten Einsatz bestimmter Deckhengste „fachsimpeln“ kann. Anders als im eigenen Familien- und Freundeskreis, bei dem vielleicht nicht unbedingt bei jedermann die Zucht im Mittelpunkt steht und man spätestens nach einer viertel Stunde das Interesse seines Gesprächspartners verliert, sind solche Treffen immer eine schöne Gelegenheit, um ausführlich Erfahrungen unter Gleichgesinnten auszutauschen. Zumindest von unserer Seite aus herrscht also kein Zustand der Angst, wenn die Brennbeauftragten unseren Hof betreten.

So sehr ich mich heute fast „freue“ wenn es soweit ist, so sehr wurde ich doch von einem mulmigen Gefühl heimgesucht, als mir zum ersten Mal gesagt wurde, dass gleich der „Fohlenbrenner“ kommen würde. Vermutlich bin ich nicht die einzige, die sich ein zitterndes, panisches Fohlen vorgestellt hat, welches von mehreren großen Männern festgehalten werden muss, um das glühend heiße Eisen zu erdulden und anschließend höllische Schmerzen zu erleiden. Zu genüge hat man sich selbst schon mal an einer heißen Auflaufform verbrannt, als das man ein derartiges Vorgehen mit positiven Gefühlen verbinden würde. Ähnlich wie beim Nähen einer Wunde oder dem Wechsel eines Verbandes überlegte ich also lieber das Weite zu suchen, um den angsterfüllten Blick zu entgehen. Die Neugier siegte damals aber doch, sodass ich etwas blass um die Nase und nicht ganz so standfest auf den Beinen wie sonst, den Brennbeauftragten bei ihrer Arbeit zu sah. Ihr merkt: Krankenschwester werde ich schon mal nicht. Heute ist es etwas ganz selbstverständliches, dass ich dem Brenntermin beiwohne, interessiert den Erfahrungen der Beauftragten lausche und nebenbei das Fohlen kraule, welches als nächstes an der Reihe ist. Der Grund für meinen Sinneswandel ist ganz einfach: Ich habe dem Brenntermin beigewohnt, eine wunderbar ruhige, entspannte Atmosphäre erlebt ohne Stress, Panik und Unwohlsein und mich mit eigenen Augen davon überzeugt, wie groß bzw. weniger groß das Leid der Fohlen bei einem derartigen Vorgehen ist.

Der Ablauf ist meist immer der gleiche: Während der Verbandsbeauftragte die ersten Formalia klärt, die Musterung des Fohlens vornimmt und diesem ein paar Schweifhaare stibitzt, steht das Fohlen am Halfter auf der Stallgasse und wird ordentlich durchgekrault. Für sie ist die Situation nicht ungewöhnlich, denn nicht selten haben sie die Stallgasse erkundet, während die Mutterstute zum Reiten vorbereitet wurde und nicht nur einmal mussten sie auf der Stallgasse still stehen, als die Hufe geraspelt oder die Mähne für eine Schau eingeflochten wurde. Ich musste feststellen: Es gibt keine geblähten Nüstern, kein erschrockenes Zurückweichen und panisches Mit-dem-Huf-Scharren. Stattdessen stehen die Mutterstuten mit entlastetem Hinterbein dösend neben ihrem Fohlen, während der Nachwuchs abwechselnd die Unterlippe hängen lässt um der wohltuenden Massage Dankbarkeit entgegen zu bringen oder interessiert die Reißverschlüsse der Jacke des Pflegers auf ihre Standhaftigkeit hin untersucht. Ist das Eisen heiß werden die Fohlen noch etwas mit der Stimme beruhigt, letztlich wäre das aber nicht nötig: Die Fohlen stehen besser als jeder Dreijährige, zucken maximal einmal kurz mit dem Huf, wenn es zum Brand kommt und gehen unmittelbar danach weiter ihrer Neugier nach, in dem sie leidenschaftlich sämtliche Jackentaschen im nahen Umkreis auf einen möglichen interessanten Inhalt hin untersuchen. Während der Brennvorgang also in vielen Reisportforen bei uns Menschen für langwidrige Diskussionen sorgt, ist es für das Fohlen eher ein Akt von wenigen Sekunden, eingebettet in eine positive Kuscheleinheit. Schneller als man gucken kann ist der entscheidende Moment also schon wieder vorbei und der Brennbeauftragte kann dazu übergehen das Eisen abzukühlen und die Maßnahmen für das Chippen vorzubereiten. Ganz anders als erwartet hat sich mir somit keine Situation mit einem panischen Fohlen und großen, kräftigen Männern geboten, sondern es herrschte eine ruhige Atmosphäre mit guten Gesprächen für die Zweibeiner und einer großen Portion Zuneigung für die Kleinen, fernab von Angst, Panik und Gegenwehr: Beim ersten Zuschauen, beim zweiten Zuschauen und bei ausnahmslos allen weiteren Brennterminen der darauffolgenden Jahre.

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Ich bin mir sicher, dass eine derartige Verbrennung mit einem gewissen Grad an Schmerz verbunden ist – derartiges möchte ich mit diesem Beitrag keinesfalls leugnen. Dennoch sollte bei der Abwägung zwischen den Vor- und Nachteilen dieser Vorgehensweise nicht nur auf rein theoretische Fakten zurückgegriffen werden, sondern auch in gewissem Maße die Fohlen „angehört“ werden. Auch wenn sie sich nicht verbal äußern können besteht – wie bei uns Menschen auch – die Möglichkeit, eine Vermutung hinsichtlich des Befindens des Fohlens ausgehend von seinen Reaktionen zu treffen. Man sollte sich also meines Erachtens davon entfernen, Auseinandersetzungen rein auf der Basis von Theorien und wissenschaftlich „bewiesenen“ Statistiken zu führen und stattdessen dazu übergehen, intensiver an den umstrittenen Aspekt heranzutreten und ihn mitzuerleben, um anschließend – aufgrund von ganz eigenen Erfahrungen und Empfindungen zum umstrittenen Thema – eine berechtigte Meinung treffen zu können.

Um meinen Worten Nachdruck zu verleihen hier nur eine ganz kleine Geschichte am Rande: Nach dem Brennen werden allen unseren Fohlen ein Chip unter die Haut gesetzt. Schenkt man den Tierschützern und Theoretikern Glauben, ist dies die tiergerechte, mit weniger Stress und Leid verbundene Alternative zum Brennen, um die Fohlen hinreichend zu identifizieren. Bevor ich mich selbst dazu entschieden habe, einem Brenntermin beizuwohnen gehörte ich auch zu denjenigen, welchen die Ausführungen logisch erscheinen und darauf aufbauend nicht verstehen können, warum trotz der – vermeintlich tiergerechteren Alternative – weiterhin an der Tradition des Brennens festgehalten wird. Ich mache es kurz: Während die Fohlen beim Brennen maximal einmal kurz zuckten und völlig unbeeindruckt ihrer Neugier nachgingen, war bei ausnahmslos allen Fohlen beim Chippen eine deutlich stärkere schmerzliche Reaktion zu erkennen. Zwar kann auch hier aus meinem Befinden heraus keinesfalls die Rede von der Notwendigkeit des tierschutzrechtlichen Einschreitens sein: So wie wir Menschen uns auf das Zähneziehen oder die nette Impfung von Frau Doktor freuen, im entscheidenden Moment „kurz die Zähne zusammenbeißen“, um danach erleichtert zu sein es überlebt zu haben, so ist es auch für die Fohlen im Moment des Chipeinsetzens schmerzhaft und unangenehm, im Anschluss aber schnell wieder vergessen und unter „Erledigt“ abgehakt. Dennoch – nur um zu unterstreichen wie sehr manchmal die Theorie und die Praxis auseinander gehen – ist das Chippen für die Fohlen mit einem deutlich stärker ausgeprägten Unwohlsein verbunden, als bei dem vorherigen Brennen.Rein theoretisch betrachtet erscheinen die Meinungen pro Chippen/Contra Brennen keinesfalls unlogisch: Vermutlich würde jeder von uns eine kleine Spritze einem brennenden Stück Eisen auf der Haut vorziehen, wenn man sich das Szenario einmal vorstellt. Die Fohlen brauchen es sich jedoch nicht vorstellen, sie haben beides miterlebt und waren für mich – vielleicht etwas materiell ausgedrückt – ein Barometer für die erlittenen Schmerzen. Mein Rat ist also, sich weniger in Situationen reinzudenken und mehr in die Praxis zu gehen, um mit eigenen Augen und Ohren Material für eine fundierte Meinung zu bekommen.

In einem der letzten Beiträge habe ich euch etwas mitgenommen in die Erziehung unserer Fohlen. Auch bei dem Termin mit den Brennbeauftragten konnten wir nur wieder von der vorherigen Erziehung profitieren.  So habe ich zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass die Reaktionen auf das Chippen stärker ausfallen, je mehr das Fohlen zappelt. Umso mehr konnte ich mich darüber erfreuen, dass wir den Brennbeauftragten dieses Jahr sechs wunderbar am Halfter stehende Fohlen präsentieren konnten. Nicht nur aus dem Grund, dass man ihnen so die Arbeit enorm erleichtert, sondern auch in dem Wissen, dass man durch stetige Vorarbeit und die daraus folgernde funktionierende Grundausbildung auch dem Fohlen so manch Situation erleichtern bzw. ersparen kann.

Insgesamt herrschte also durchweg eine entspannte Atmosphäre und die Fohlen gehen genauso zufrieden und entspannt zurück in ihre Box, wie sie sie verlassen haben. Sicherlich ist das Brennen und das Chippen ein nicht geringer körperlicher Eingriff und es gibt unzählige Für- und Wider. Unabhängig von jeder wissenschaftlichen Statistik möchte ich jedoch allein von meinen eigenen kleinen Erfahrungen ausgehend nochmal betonen, dass die Welt nicht immer nur schwarz/weiß ist. Letztlich war es für mich genau die richtige Entscheidung, solch ein „Ereignis“ einmal mitzuerleben. Grundsätzlich gehöre ich zu der Sorte Mensch, welche eine Stunde hinter einem Schmetterling her rennt, um ihn aus der Garage zu retten. Die Nackenhaare also schon allein bei der Vorstellung von einem brennenden Eisen in Kombination mit einem Fohlen senkrecht hoch, war das Miterleben des Brennens das Beste, was mir passieren konnte. Denn egal wie oft man in Reitsportforen liest, wie schlimm oder weniger schlimm das Brandzeichen ist: Nichts kann jemanden so von der Richtigkeit oder Falschheit einer Vorgehensweise überzeugen, als wenn man es einmal selbst in eigener Person miterlebt hat.




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