Längere Zeit gab es nun schon kein Lebenszeichen mehr von mir, was daran lag, dass ich rundum die Uhr beschäftigt war. Vermutlich fragt sich jetzt der ein oder andere, wie zum Teufel man im Mutterschutz im Stress sein kann. Früher konnte ich das auch immer nicht ganz nachvollziehen, spätestens aber mit meinem allerersten Fohlen wurde mir in kürzester Zeit sehr deutlich, dass Mutterschutz eben nicht gleich Urlaub bedeutet.

Vorweg erstmal zu meiner aktuellen Lebenssituation: Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, bin ich in einen großen Offenstall umgezogen, in dem ich mit drei weiteren Freunden wohne. Die ersten Tage gab es noch ein paar Anfangsschwierigkeiten, weil ich nicht mit ihnen zu Abend essen durfte und ich immer weggeschubst wurde, wenn ich im Weg stand. Mittlerweile sind wir aber richtig gute Freunde geworden und ich verspüre sogar richtige Sehnsucht, wenn eine meiner Mädels von ihre Besitzerin abgeholt wird. Ich muss sagen, dass ich mich mit dieser neuen Lebensform selbst ein wenig übertroffen habe. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich – Wonne, der Einzelgänger – mit drei weiteren Vierbeinern in einer Lounge klar kommen würde. Aber nun gut: Man muss auch mal über seine Grenzen hinaus gehen und gewissermaßen sehe ich es auch als Übung, bevor es nächstes Jahr mit meinem Wonneproppen in den Fohlenkindergarten geht. Dort erwartet mich nämlich die geballte Frauenpower, sodass es gar nicht verkehrt ist, dass ich mich langsam und stetig darauf vorbereite. Nun aber zurück zum Thema: Der Umzug in den Offenstall fand kurz nach meiner zweiten Besamung statt. Ich wurde dann am einundzwanzigsten Tag  nach der Besamung untersucht, wo mir dann auch verkündet wurde, dass ich ein Baby erwarten würde. Mit dieser freudigen Nachricht im Gepäck startete langsam die grüne Saison, sodass ich regelmäßig mit Alisa und ihrer Freundin Spazieren gehen und Grasen durfte. Alisa meint, dass ich etwas aus der Form geraten bin und man deshalb darauf achten müsse, dass ich nicht zu viel Gras auf einmal bekomme. Diesen Einwand kann ich zwar nicht ganz nachvollziehen, aber jeden Tag einen ganz persönlich geführten Fressgang in die Natur zu bekommen, war natürlich auch nicht schlecht. Vor ein paar Wochen ging es dann zum ersten Mal auf die Wiese. Die Besitzerin von einem WG-Mitglied brachte uns morgens immer raus und Alisa holte uns gegen Mittag wieder rein. Ich muss dazu sagen, dass wir eine traumhafte Wiese zugeteilt bekommen haben, bei dem es ganz viel Licht und Schatten gibt, wir unmittelbar am See stehen und man sich richtig wie in der Wildnis fühlt. Mir wurde ja bereits von den anderen Damen vorgeschwärmt, wie toll der Seeblick ist. Wenn man aber erst einmal selbst, Seite an Seite mit seinen Freunden, in den Sonnenuntergang schaut und den See glitzern sieht, nimmt das ganze nochmal ganz andere Dimensionen an. Ihr seht: Meine romantische Ader habe ich auch entdeckt. Nachdem ich erfolgreich angeweidet wurde, stehe ich nun 24h mit meinen Freunden auf der Wiese. Anfangs habe ich gedacht, dass ich meine Lounge und ein warmes Plätzchen im Stroh vermissen würde. Allerdings musste ich bereits im Frühjahr feststellen, dass ich viel lieber im Außenbereich unserer Lounge schlief, als im Innenbereich. Dementsprechend genieße ich es jetzt richtig, in der Natur zu sein und es ist gleichermaßen schön zu wissen, dass es nur eine Minute bis zum Stall sind und wir notfalls ganz schnell hereingeholt werden können, falls ein Gewitter aufzieht. Besonders toll ist es, dass die anderen Pferde jeden morgen an unserer Weide vorbei müssen, um zu ihrer Tagesweide zu gelangen. Wir haben also immer alles im Blick, können kurz mit den anderen schnacken und werden so auch immer von unseren Pflegerinnen mehrmals täglich kontrolliert und begutachtet. Ein rundum Sorglospaket also, hier im Mutterschutz, am See.

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Nun habe ich euch aber immer noch nicht erzählt, warum ich so beschäftigt bin. Ihr müsst wissen, dass ich zwei Wiesen weiter neben dem Fohlenkindergarten stehe. Um mich schon mal auf alles vorzubereiten, beobachte ich sie und ihr Verhalten immer ganz genau und speichere es für nächstes Jahr akribisch ab. Eine der wichtigsten Aktivitäten – so ergab es meine Analyse – ist wohl die Nahrungsaufnahme. Ich dachte immer schon ich wäre verfressen, aber diese Kugelbauchtruppe von nebenan toppt wirklich alles. Auf eine Wiese voller saftigem Gras wurden sie gestellt und bereits wenige Tage später war sie ratzeputzeleer gefegt. Unglaublich. Um in einem Jahr nicht unangenehm aufzufallen habe ich mir deshalb vorgenommen, ebenfalls an meinem Fresstempo und an meiner Ausdauer zu arbeiten. Deshalb nehme ich mir jeden Tag vor, einen neuen Rekord aufzustellen und bis jetzt zahlt sich mein Training auch richtig aus. Alisa meint, ich bekomme bald eine Diätwiese, wenn ich so weiter mümmele. Sie ist eben einfach unwissend, schließlich habe ich sie noch nicht in meine Mission eingeweiht.

Hinzukommt, dass ich noch einmal einen Kontrolltermin beim Frauenarzt hatte. Um dort ein positives Ergebnis zu bekommen musste ich mich strikt an die Vorschriften halten, was mich ganz schön viel Disziplin gekostet hat. Immer schön vorsichtig die Berge runterkugeln, keine wilden Bockmanöver, keine Köpper in die nächste Pfütze – ihr wisst schon, das volle Programm eben. Gott sei dank lief der Ultraschall sehr gut ab, der Tierarzt lobte den Zustand meines Wonneproppens und mir wurde erklärt, dass ich nun die kritischste Phase überstanden habe. Dennoch müsse ich weiterhin auf mich und mein Baby aufpassen, das sei ganz, ganz wichtig. Ich kugele also so vor mich hin, beobachte den Fohlenkindergarten und wappne mich innerlich schon mal auf alles was kommt. Und ihr so?